Samstag, 4. Februar 2023

MALMÖ, opus 1792 aus dem Jahr 1913 !

 1911 Malmö, Südschweden. Der neue Organist der St.Petrikirche , der großen Stadtkirche der Stadt, Axel Boberg (*1876+1946) wollte ein neues modernes Instrument in seiner riesigen gotischen Kirche. 

 

Walcker Orgel im historischen Gehäuse, Photo © Archiv Christian Schmidt

Das alte Instrument konnte in keiner Weise die modernen Anforderungen der schwedischen Organisten befriedigen. Sicher ein aus heutiger Sicht ganz historisches Instrument in einem wertvollen historischen klassizistischen Gehäuse aus dem Jahr 1797 geschaffen von Olof Schwans. Hier ein Bild aus dem Jahr 1913 aus dem Archiv der Orgelbaufirma Walcker-Ludwigsburg:O

Walcker Instrument mit freistehenden Spieltisch. photo:©Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, B 123, Bü 2074

Wie man schon sieht, der Spieltisch ist modern freistehend und nicht, an oder wie früher, im Orgelgehäuse untergebracht.  Der Blick ist in den gewaltigen Kirchenraum gerichtet. Axel Boberg wollte ein modernes großes künstlerisch in allen Belangen benutzbares Instrument. Axel Boberg, ein Beführworter des deutschen Orgelbaues, der dem damals schwedischen überlegen war,  lies die damals bekannteste Firma E.F. Walcker -Ludwigsburg das neue Instrument erstellen. Er selbst fuhr nach Ludwigsburg um Oscar Walcker zu sprechen um den Bau der Petri-Orgel einzuleiten. Organist Boberg hatte das volle Vertrauen des Petri-Kirchenrates, der Vertragsabschluß ging ohne Ausschreibung und ohne Konkurrenz von statten. Die Gemeinde wollte eben eine Orgel dieser Firma. Er wusste genau was er wollte und war ein Mann der sich mit dem Orgelbau auskannte. Oscar Walcker weilte dann öfter in Malmö und erinnert sich an die "angenehmsten Besprechungen mit dem Kirchenvorstand" und war ein gerngesehener Gast im Hause Boberg. Dort lernte er "das schwedische Familienleben kennen und schätzen". so in seinen Memmoiren. Auf dieser Basis standen weitere Orgelneubauten: Malmö-Karoli-Kirche, 50 Register, Siriuskirche, und gipfelte 1925 mit dem Bau der Orgel im Stadthaus Stockholm. IVManuale-114Register, Siehe sepetraten Artikel über die Orgel Stadthalle Stockholm. 

Zur Disposition , die auf Organist Axel Boberg und Oscar Walcker zurückgeht. 

Organist Axel Boberg,Befürworter des deutschen Orgelbaues

MANUAL I - klassisch deutsch spätromantisch. 16'-8'-4'-2'- Kornett, Mixtur und einen gewaltigen Zungenchor: Trompete 16' Tuba mirabilis 8' (eine Hochdruckstimme - 150mm/WS) Clairon 4' .

MANUAL II ; SCHWELLWERK ; : Ein kräftig majestätisches Begleitwerk oder Solowerk mit Einflüssen der elsässischer Orgelreform:  Flöten und Streicher 16'-8'-4'. Fugara 8' als labiale Hochdruckstimme. Es wird noch besser: eine Batterie an Horizontalen Rohrwerken, die noch zusätzlich mit Hochdruckwind befeuert werden, diese Stimmen "tröten" an höchster Stelle der Orgel in den Kirchenraum. Das muß gewaltig gewesen sein. Es sind: Fagott16'  Trompete8'  Trompete 4'.

 

Walcker-Konstruktionszeichnung: Windlade II.Manual ~ Horizontaltrompeten. © by Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, B 123, Bü 2074


MANUAL III ; SCHWELLWERK ; Dieses Werk steht im hinteren Teil der Orgel, im umfunktionierten Turmraum. Das absolut spätromantische deutsche Werk mit den absolut schönsten Stimmen, keine schwachen Stimmen: Voix celeste 8'& Violine 8', ein Lieblich Gedackt 16', Geigenprincipal und Flute harmonique 8', eine Harmonia aethera 3fach, Brillianz mit Terz; dazu das obligatorische, in Schweden weitverbreitete EUPHON 8' (eine Art Tuba mit rundem Klang) und Oboe 8'.

Registerstaffel links.

Auf MANUAL IV ; SCHWELLWERKE, : hier spielbar das FERNWERK, die sog. FERNORGEL; und die CHORORGEL. Im Fernwerk findet man auch eine Streicherschwebung: Voix angelica8' mit Echogamba8'. Vox Humana8' knurrt sanft aus der Gewölbedecke auf das Publikum herunter. Die Chororgel oder Altarorgel hat nur 3 Register, Rohrgedackt8' Dulciana8' Spitzflöte4'. 

Registerstaffel rechts.

Das PEDAL ist gewaltig besetzt und knallert durch den Kirchenraum mit einem Principalbass 32'  und Bombardon 32'. Echobass 16' ist eine zarte Transmission aus dem III.Manual.  Harmonikabass 16' streicht tief sanft. Pedalmixtur 5fach gibt Glanz und Farbe. Kontrafagott16' und Posaune16' unterstreichen energisch das Bassfundament. 

Spieltischbild, Portraitphoto 1913, © Malmö Archiv der Petri-kyrka

 

Die Normalkoppeln sind obligatorisch dazu gesellen sich Ober und Unteroktavkoppeln auch zum Pedal hin die der Tonmasse ungemein an Kraft und Gewalt gibt. Frei einstellbare Pianopedalkombination für IV und III Manual. Der absolut wunderschön gestaltete Spieltisch gibt Aussage wie es sich angefühlt haben muß. Seitlich die walcker'schen Arkanthusranken dazu die modernen ergonomisch dem Spieler zugewandten Registerstaffeln. Übersichtlich angeordnet dazu die Kombinationstritte und Balanciertritte und natürlich die Registerschwellerwalze. 

 

Walcker Konstruktionszeichnung: Spieltischanordnung. ©Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, B 123, Bü 2074

Manualumfang C-a''' und Pedal C-f'. Die Schwellwerke sind ausgebaut bis a''''. Bei der Orgel wurde eine Mischform der Steuerung angewand. Manual I und II und das Pedal arbeiten rein pneumatisch mit Taschenladen. Manual III , die Fernorgel und die Chororgel sind elektropneumatisch gesteuert. Die Fernorgel befindet sich auf dem Gewölbeboden und die Chororgel (Altarorgel) im Altarbereich. Es wurden leider noch keine Bilder gefunden. 

Walcker Konstruktionszeichnung: Längen und Querschnitt ©Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, B 123, Bü 2074

Vorgestern erreichte mich aus dem St.Petri-Kirchenarchiv in MALMÖ ein beeindruckendes Foto des Spieltisches, welches, was Vergleiche anstellt, von Walcker bei Fertigstellung des Spieltisches in Ludwigsburg nach Malmö gesendet wurde. Es ist so brilliant aufgenommen, das die Registernamen gelesen werden können. Es sei hier wieder gegeben. Das  Teil soll im Archiv des Museums in Malmö erhalten sein, leider habe ich keine weiteren Informationen dazu, trotz erheblicher Korrespondenz.

besonderer Dank sei :

Organist Anders Johnsson, 

Anne Ruponen, Secretary at Petri-Kyrka MALMÖ, 

 Ute Fitterer-Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg.








Donnerstag, 19. Januar 2023

Der SAALBAU zu RECKLINGHAUSEN und seine beeindruckende ORGEL,1925

 1925. Der neue Saalbau zu Recklinghausen , ausgelegt für 1.500 Gäste erhielt 1925 ein gewaltiges Orgelwerk von bester Technik im Bühnenbereich. Es trägt die Opusnummer 2094.

 

großer Saal mit Walcker Orgel 1925

Ein beweglicher Spieltisch auf Rollen, angeschlossen über ein dickes Kabel im Schlepp zur Hauptorgel. Dieses Teil ist noch im Stil der früheren großen PréstigeOrgeln der Firma erbaut, edle Hölzer und besonders die Einfassung der Registerschalter mit Arkanthusrankenschnitzwerk spiegeln den Glanz und Pomp der Jahrhundertwende wieder. 

 

zeitgenössischer Organist vor der Saalorgel op.2094

Ein elektropneumatisches Großwerk der Orgelbau-Anstalt Walcker in Ludwigsburg und deren Chef Dr.phil. Oscar Walcker. Auf ein spätromantisches Fernwerk, welches damals noch sehr in Mode war, wurde verzichtet. Dabei wirkt die Orgel wie eine große spätromantische Orgel mit viel Symphonik, abgerundet durch "antike" also alte Stimmen des Mittelalters und Renaissancezeit ergänzen das spätromantische RegisterEnsemble.

 

Spieltisch der Walcker Orgel in Recklinghausen

 Herrlichste scharfe Streicher wie Gamba, Aeoline, Viola, Fugara und Voix  celeste8' lassen sich problemlos mit mittelalterlichen Registern wie Rankett, Bärpfeife, Krummhorn, Vox humana und Geigend Regal spielen. Dazu silbermannsche Prinzipale und Klangkronen wie Cymbel und Kornette. Dazu noch elsässisch französisches Rohrwerke (Zungen) Trompete harmonique, hohe Trompete (Clairon4) Dulcian 16 nach Preatorius, ersetzt den Basson16'. Das Glockenspiel auf Manual 3 darf nicht fehlen, es ist ein pneumatisches Xylophon. Manual II und III stehen in dicken Schwellkästen somit ist der UniversalOrgelKlang biegsam und sehr dynamisch, da die beiden Manuale an Kraft dem ersten, deutsch gehaltenen Werk, in nichts nachstehen. Ober-Oktavkoppeln sind reihenweise ausgebaut. Etliche Stimmen haben einen erhöhten Winddruck und gewinnen dadurch noch mehr an Präsenz im Raum und im gesamten Orgelklang. Eine gewaltige Windmaschine von Walcker versorgt das 71 registrige Werk mit genügend Wind zusätzlich liefert es auch durch einen gekoppelten Generator die nötige Stromspannung von 24 Volt um das Instrument mit seiner elektropneumatischen Steuerung zu versorgen. Man denke an die vielen 1000 Magnete die im vollen Werk mit allen Oktavkoppeln gleichzeitig arbeiten! Und natürlich an die vielen mehr als 2200 Pfeifen die mit einmal erklingen wenn alle Register gezogen sind und die Oktavkoppeln alles nocheinmal verdoppeln! Dieser riesige Windverbrauch! Dazu noch die gewaltigen 32' und 16' füßigen Register des Hauptpedals! 

 

die große Saalorgel mit Orchesterempore

1972 wurde das sicher ungepflegte und unmoderne Instrument, obwohl alles für alle Epochen und Stilrichtungen erschaffen wurde, komplett abgerissen und durch ein mechanisches , modernes Instrument neobarocken Stils erbaut. Die Stadthalle wurde 2000 geschlossen und 2013 komplett abgerissen!

Dienstag, 10. Januar 2023

größte Orgel SCHWEDENs, BLAUE HALLE STOCKHOLM, WALCKER 1925

 Stockholm, Schwedische Hauptstadt. Hier baute Architekt Ragnar Östberg im Stil der schwedischen Nationalromantik - Eklektizismus , sein noch heute bestehendes Stadthaus. Der Sitz des Stadtparlaments und der Stadtregierung. 

Stadthaus Stockholm, aus einer Walckerwerbeschrift

Im GOLDENEN SAAL sieht man ROXETTE mit ihrem Titel "fading like a flower" in dem anschließenden riesigen Saal, der Blauen Halle, (BLA HALLEN) werden neben vielen anderen Aktivitäten die "Nobelpreise" vergeben. Dazu ertönt immer eine Orgel. Unscheinbar, unsichtbar, und doch monumental in ihren Ausmaßen. Die größte Orgel Schwedens.

 

Bild aus dem Internetz, heutige Ansicht der Blauen Halle

 Weit oben über dem Publikum versteckt in einem Balkon steht sie. IV-Manuale, 115 Register. gewaltig. Man wollte nicht so recht, etwas deutsches nach dem verlorenen Krieg, eigene Firmen wollten und konnten aber solche Ausmaße nicht, englische Firmen, nunja, man wusste nicht genau, so geht es aus den alten Akten hervor. Lieber in Zusammenarbeit mit den Deutschen. Die kannten sich aus mit Elektropneumatik und Riesenorgelbau.England war raus, die Schweden wollten nicht so recht, also musste Firma WALCKER-LUDWIGSBURG die Planung und die Ausführung alleine übernehmen. Man kannte sich ja aus mit dem Großorgelbau. Der Juniorchef Dr.Oscar Walcker holte den Auftrag persönlich in Stockholm, nach mehreren schweren Verhandlungen und Procedere. Die Schweden wollten nicht so recht, mit einenm Kriegsgegner. Aber keiner konnte es besser, Oscar Walcker holte den Auftrag in die heimische Firma, so steht es in seinen Erinnerungen, der Bau konnte beginnen. Wenig Platz war vorhanden, ein Fernwerk war zusätzlich geplant. 

Aufriss und Schnitte, Walcker1924, Archiv CvP

1925 war es endlich fertig, eine riesige Orgel auf einem Balkon über dem Saal. Die größten Pfeifen wurden liegend installiert. Der Walcker Spieltisch wurde auf dem Balkon in luftiger Höhe aufgebaut. Dort versah er seinen Dienst bis ende der 1990er.

Walcker Spieltisch, 1925. Archiv CvP

 Keiner weiss wo er ist, Recherchen ergaben nix, Personen vor Ort wissen nix, Leute der Orgelbaufirma die den Umbau vornahmen, wissen auch nichts. Somit existiert noch kein weiteres aktuelles Bild.

Aufriss, Archiv CvP, copyrighted

Reorganisert wurde die Orgel von HARRIS&HARRIS, England. Man übernahm fast alles Vorhandene der Walcker Orgel. Ein neuer Spieltisch französischer Bauart steht heute inmitten der Zuhörerschaft. Walcker erbaute die Orgel auf elektropneumatischen Kegelladen und Hängebalgladen. Das Walckersche Orgelwerk ist zu fast 100% erhalten und ging in dem neuen Werk auf. Ein Erlebnis.Hier die Disposition und die originalen Seiten von Walcker:
Walcker Seiten, (c) by Christian Schmidt, Pressel.




Samstag, 7. Januar 2023

GERA fürstliches Theater mit WALCKER Orgel aus 1911

 Im damals im Jahr 1902 neuerbauten fürstlich reußischen Theater welches von dem Berliner Architekt Heinrich Seeling projektiert wurde, konnte die größte deutsche und europäische Orgelbau-Anstalt, ja der ganzen Welt, E.F. Walcker-Ludwigsburg, eine gewaltige Konzertorgel einbauen. 50 klingende Stimmen wurden eingebaut. 

Saalorgel in Gera.

Das bedeutende Werk wurde damals richtungsweisend auf walcker´schen pneumatischen Hängebalgladen, die die präcise Ansprache der Töne durch Abstrompneumatik deutlich positiv beeinflussen, erbaut. Zusätzlich wurde die gesamte Anlage der damals modernen Technologie der Elektrizität bedacht und die ganze Orgelanlage funktioniert auf Elektropneumatik. Hinzu kommt das das III. Manual im Tonumfange eine Oktave weiter ausgebaut wurde. Wie es sich für eine SaalOrgel gehört, ist auch das II.Manual wie auch das III. als Schwellwerk ausgeführt. Diese Schwellanlagen wurden über elektropneumatische Bauteile bewegt, da der freistehende Spieltisch sich auf dem rechten Zuschauer-Rang befindet. Der Organist schaut auf den Dirigenten und in den Saal.

Bild um 1975, Orgelbau Sauer/FFO

 Wem das noch nicht reicht zu einer sogenannten "Spätromantischen Orgel" wird hier auch überrascht, das das Werk der "Elsässer Orgelreform" folgt. Die Registerzusammenstellung macht deutlich: Cymbel 3f. Solotrompete8'&Oboe8' im III.Manual. Auf Manual II ein zu spielendes Echo oder Fernwerk mit : Bordun8' Spitzflöte4' Vox humana8' zusätzlich noch Clarinette8' und weitere Stimmen im Schwellkasten des Manuales. Das erste Manual ist klassisch deutsch gehalten: Bordun16' Gamba8' Principal8' Oktave4' Oktave2' Mixtur4fach, Kornett3-7fach, Trompete8'! 

Walcker´s Werbeblatt

Die Orgel war das 1638te Werk der Firma und wurde kurz nach der großen Orgel in der Stadtkirche St.Jakob zu Ilmenau erbaut. Unangetastet und unbeschadet überstand das große Werk die Kriegseinwirkungen und bestand bis 1975. 

Walcker Orgel zu DDR Zeiten. Kopierecht bei Stadtarchiv Gera.

Sie wurde demontiert inklusiv der eklektizistischen Schauseite und 1977 durch ein neues Werk des "VEB Sauer Orgelbau-Frankfurt Oder- DDR" ersetzt. 

Walcker Orgel mit Konzertbestuhlung, Kopierecht bei Stadtarchiv Gera.

Ich weise darauf hin das die Bilder Urheberrechtsgeschützt sind und bei Veröffentlichung und Weiterverarbeitung einer Anfrage bedürfen! Stadtarchiv Gera, Archiv Christian Schmidt, Archiv Wilhelm Sauer Orgelbau, Frankfurt/O.

Dienstag, 27. Dezember 2022

EILENBURG die große Orgel der NIKOLAIKIRCHE v. W.SAUER Frankfurt/Oder. 1916 !

 In Eilenburg wurde 1916 mitten im ersten Weltkrieg eine große Orgel in der dortigen Stadtkirche St. Nikolai aufgestellt. Diese wurde von der Orgelbauanstalt Wilhelm Sauer mit deren Inhaber PAUL WALCKER erbaut. In der Stadtkirche wo MARTIN RINCKART den berühmten Choral "Nun Danket alle Gott" erschuf und den Bittgottesdienst abhielt, das die belagerten Schweden die Stadt nicht zuerstörten. In Eilenburg war zu dieser Zeit der schon tote schwedische König Gustav Adolf von Schweden im "Roten Hirsch" aufbewahrt, heute beherbert das Haus am Marktplatz Gastronomie und das Statmuseum. 

Zurück zur Nikolai-Kirchen-Orgel. Erbaut wurde 1845sie Orgelbaumeister Louis Weineck erbaut. Seine Schüler waren Conrad Geissler und Nicolaus Schrickel, Beide in Eilenburg mit eigenen Firmen ansässig bis um 1900 herum.  Geissler stammte aus Eilenburg, Schrickel aus OBERPÖRLITZ bei Ilmenau (siehe Beitrag Walcker Orgel Ilmenau). Orgelbauer Louis Weineck verstrickte sich in einige Dinge und musste Eilenburg verlassen und übernahm eine Orgelbauwerkstatt in Bayreuth. Meister Weineck erhielt die Ausbildung bei J.G. Mende in Leipzig. Das Orgelgehäuse erinnert sehr an seinen Lehrmeister. Das Orgelwerk wurde von beiden Schülern mehrfach repariert  und überarbeitet. 1916 war es dann soweit, man wollte ein angemessenes Instrument in der Muldestadt die damals ein großer Industriestandort war. 

Orgelgehäuse von Weineck zur Zeit der Sauer Orgel.

 
 
Geliefert hat es Orgelbauanstalt W. Sauer Frankfurt-Oder. Auf 3 Manualen erklingen 44 Register. Aus der alten Orgel wurden übernommen : Trompete 8' Oboe 8' und Clarinette 8' . Das Prospekt war vor 1917 klingend, jetzt stumm und aus Zinkpfeifen erstellt. Der Spieltisch stand am Gehäuse, das ganze Werk hatte rein pneumatische Traktur auf sauerschen Taschenladen. Die elektrische Windmaschine die 1914 an die abgebrochene Orgel von Furtwängler&Hammer angebaut wurden war, wurde übernommen. 

Das lichte Gehäuse musste nun ein viel größeres Werk in sich aufnehmen. Leider existieren kaum Fotografien davon. Die Orgel wurde 1945 bei alliierten Luftangriffen inklusiv der Kirche zerstört. Noch heute ist kein gotisches Kreuzgewölbe in der Nikolaikirche aufgebaut wurden. Mein noch lebender Großvater 2022 - 93 jährig, hatte in der Kirche zu dieser Zeit seinen Konfirmationsgottesdienst- und erinnert sich, das dieser mehrfach unterbrochen wurde durch Luftalarm.

So in dieser Form hat der Spieltisch ausgesehen, nur mit 3 Manualen!


Sonntag, 20. März 2022

QUERFURT W:RÜHLMANN-ZÖRBIG op.122 aus 1891

 Ein weiteres geniales klangliches Exemplar der ausgehenden Hochromantik und der beginnenden Spätromantik steht spielbar und gut restauriert in Querfurt. Opus 122 der Orgelbauanstalt Rühlmann aus Zörbig. Fulminant disponiert ensteht auf den damals mordernen Kastenladen pneumatischer Abstrompneumatik ein klangliches Wunderwerk.

Querfurt

Ansprache und Repetition lassen hier keine Wünsche offen. Das zweite Manual steht in einem Schwellkasten welcher mittels eines Löffeltritts der zwischen den Pedaltasten  H und c° angeordnet ist, gesteuert.
Schwelltritt

Durch die Kastenlade entstehende Verschmelzungsfähigkeit der Register bringt einen ganz anderen Klang zu Gehör als die Schleiflade, Taschenlade oder Kegellade. Auf dem ersten Manual dominieren Flöten und Principale, getoppt durch eine klassische Trompete 8'. Das zweite Manual hat wie immer zartere Stimmen, aber steht auch nicht als unhörbares Echowerk dem ersten zurück. Geigenprincipal bringt Kernigkeit, Oboe 8' steuert reiche Obertöne bei. Voix céleste 8' schwebt zart durch den Raum, einfach Traumhaft. Das Gehäuse ist in moderner Neogotik gestaltet, hat an den äußeren Seiten Pfeifentürme wo die Pfeifen auch um die Ecke laufen. Die Pfeifen der Seitentürme und des Mittelfeldes haben Überlänge und ragen über das Gesims des Gehäuses hinaus. 
Größenvergleich in Querfurt

Das Gehäuse wurde 2 mal erbaut, ein weiteres befindet sich in Stassfurt St. Petri.
Gehäuse der Orgel in Stassfurt op.107

Das Orgelwerk dort Op. 107 wurde um 1913 überholt und hat einen modernen Spieltisch bekommen, umdisponiert wurde in Stassfurt in den 1950er Jahren auch. Der Schweller wurde dort entfernt. Querfurt besitzt noch den originalen Abstromspieltisch aus dem Jahr 1891, Stassfurt hat einen modernen mit 2 freien Kombinationen, Rollschweller und Balanciertritt. Der Gehäuseentwurf müsste vom Architekten der Petrikirche in Stassfurt stammen und wurde in Querfurt erneut verwendet. Das gleiche wurde in der Lutherkirche Bad Kösen und Halle Johanneskirche praktiziert. 

Montag, 7. März 2022

MÜHLHAUSEN W:RÜHLMANN opus 325 aus 1910

 Sankt Petri Mühlhausen.

1910 baute die OrgelbauAnstalt Rühlmann aus Zörbig ein komplett neues Orgelwerk in das Gehäuse der Vorgängerorgel, einem Instrument der Orgelbaufirma Schulze-Paulinzella. Typisch für Schulze ist ein klassizistisches Prospekt ohne Pfeifen, anstelle dessen rote Stoffbespannung und reichhaltiges Schnitzwerk in den Gehäusefronten.

Schulze Paulinzella Gehäuse

Demzufolge mußte man nicht 1917 Zinnprospektpfeifen abliefern. Das Werk ist unverändert erhalten, wurde restauriert. Es tun sich aber einige Fragen zur Nachintonation auf - im Vergleich zu anderen erbauten Werken der OrgelbauAnstalt aus den selben Jahr wirkt das Tutti des Werkes eher abgemildert und nicht so schmetternd wie man es von Rühlmann gewohnt ist.
Rühlmann Spieltisch aus dem Jahr 1910

Im nahegelegenen Seebach steht opus 311 aus dem Jahr 1909 mit einem pompösen Tutti incl Französischer Prägung durch die Obertonreichen Zungenstimmen. Intonation ist immer Geschmackssache und lässt sich ja auch in Zukunft wieder korrigieren. Zumindest ist ein großes originales Werk Rühlmanns erhalten und spielbereit für Organisten.
Detail Pedalregister

Detail Register II.Manual

Das erste Manual besticht durch seine deutschen Kernstimmen Gamba Principal Rauschquinte und Mixtur mit zusätzlicher Trompete legen ordentlich los. Das zweite Manual, dem breitangelgten Schwellwerk bestechen exquisite Solostimmen aller Coleur, vom zarten Salicional in Verbindung mit Voix céleste weiter zum kräftigen Geigenprincipal und dessen 4' Bruder der Fugara. Oboe gibt weichen samtigen Grund und die terzhaltige Harmonia aetherea 3 fach bringt farbigen Glanz in das Ensemble. Das ganze wird noch zusätzlich durch eine Superoktavkoppel II-I verdoppelt und verstärkt.
Rühlmann Pneumatik 1910

Die Pneumatik des Hauses Rühlmann lässt keine Kompromisse offen, präcise Repetition und Ansprache in Verbindung mit qualitativ hochwertigsten Windladenkonstruktionen lässt Kennerherzen und Ohren höher schlagen.

Sonntag, 6. März 2022

STEUTZ bei Aken/Elbe W:RÜHLMANN opus 119 aus 1891

 Steutz bei Aken im Großraum Dessau. Hier steht die original erhaltene Orgel der Orgelbauanstalt Rühlmann in Zörbig. 1891 im neoromanischen Gehäuse erbaut füllt es die nordelbische Kirche mit seinem warmen kraftvollen Spätromantischen Klang. 

Steutz opus 119

Kräftig aber runde Streicher, voller Principalklang, Warme vollendete Flöten und profunde Bässe prägen das Instrument. Die Windladen sind in solider Ausführung gearbeitet, und wurden mit der damals modernen Abstromtechnik und der Kastenlade der ersten Generation aus der Anstalt Rühlmann ausgestattet.
Manual II, quer in der Orgel

Diese Windladenkonstruktion bis hinein in den Spieltisch lässt eine absolut präcise pneumatische Tonrepetition zu. Der Spieltisch ist auch noch aus der ersten Generation der Pneumatik im Hause Rühlmann, vollkommene Abstrompneumatik.
Spieltisch Rückseite - pneumatische Impulsleitungen

Mechanisch eingreifende Manual und Pedalkoppel, die aber pneumatisch ausgelöst werden. Später ging man zum allgemeinen Zustromprinzip über und die Spieltische wurden rein pneumatisch konstruiert. Aber hier erstmal die erste Generation. Klanglich folgt das Instrument ganz klar die Rühlmannsche Linie, ein kraftvolles deutsches Hauptwerk welches durch ein etwas schwächeres aber nicht unhörbares, sondern mit kräftigen Solostimmen besetztes 2tes Manual ergänzt wird.
Spieltisch Vorderseite

Restauriert wurde das Instrument von der Orgelbaufirma Rühle Moritzburg.

Samstag, 5. März 2022

GNADAU bei Magdeburg W:RÜHLMANN op.117 aus 1891

 Im hiesigen Herrnhuter Brüdersaal der Gemeinde Gnadau konnte Wilhelm Rühlmann sein Opus 117 im Jahr 1891 liefern.

GNADAU opus 117 von W:Rühlmann

Das Instrument ist leider nur verändert erhalten. Als Saalorgel konzipiert, auf zwei Manualen finden wir 22 Register. Im Originalzustand ganz klassisch deutsche Hauptwerksregister im ersten Manual.
Register und Firmenschild

Das zweite Manual ist als Schwellwerk erbaut, welches mit Voix céleste und Oboe schönste Klangkombinationen erzeugen kann. Die Originaldisposition: 

 

1. Bordun 16' 10. Geigenprincipal 8' 18. Violon 16'
2. Principal 8' 11. Salicional 8' 19. Subbass 16'
3. Gambe 8' 12. Lieblich Gedackt 8' 20. Principalbass 8'
4. Hohlflöte 8' 13. Flauto Traverso 8' 21. Cello 8'
5. Rohrflöte 8' 14. Voix celéste 8' 22. Gedacktbass 8'
6. Oktave 4' 15. Fugara 4'

7. Gedackt 4' 16. Flauto Amabile 4'

8. Flautine 2' 17. Oboe 8'

9. Mixtur 4 fach 2'



Heute präsentiert sich das Werk aller Streicher beraubt und an dessen statt Aliquotstimmen die das Instrument barockisiert zu Gehör bringen. Der Spieltisch steht frei vor der Orgel und blickt in den Kirchsaal hinein. 

Freistehender Spieltisch

Die Windladen sind durchweg Kastenladen mit Abstrompneumatik. Diese Technik erlaubt präciseste Tonrepetitionen. Die Impulsleitungen sind als Messingrohre verlegt und verlötet. Eichenholzwindladen in höchster Güte verarbeitet.
Gehäuse Gnadau op.117 - 1891.
























































Freitag, 4. März 2022

GROSSRUDESTEDT E:F:WALCKER opus 1405 aus dem Jahr 1907

 Und noch ein seltenes Exemplar in unseren Mitteldeutschen Breitengraden. Die Walcker Orgel in Grossrudestedt bei Erfurt. Das 1405te Orgelwerk der Firma aus Ludwigsburg, Baden-Württemberg.

Grossrudestedt opus 1405

Auch hier wieder ein tolles Gehäuse aus Barockzeiten welches die Firma gleich wieder verwendet und ein neues Orgelwerk hineinkonstruiert hat. Gute deutsche spätromantische Geflogenheiten prägen das damals neue Werk. Die thüringischen Staaten kauften gern bei Walcker in Ludwigsburg, einige große Instrumente zeugen davon, Ilmenau, Weimar, Gera fürstlicher Concertsaal usw. Leider ist nur Ilmenau erhalten als Großorgel - Artikel in den älteren Posts. Bitte schauen! Aber hier erstmal wieder kleinere Brötchen: Aber auf Weltniveau. Es wurde bei der größten deutschen oder damals sogar weltgrößten Orgelbau-Anstalt ein neues Werk bestellt.
Walcker Spieltisch

Leider ohne Zungenstimmen, dafür jede Menge 8' Register. Mixtur ²/² 3' spielt den Tutti-Zeuger dazu gesellen sich neben den Hauptstimmen im ersten Manual die dynamischer differenzierten Stimmen des II.Manuals. Dieses wird bekrönt von einem Trompeten- oder Zungenstimmenersatz, einem Cornett 3-5 fach welches durch seine Terz und Obertonreichhaltigkeit ordentlich Farbe beisteuert. Das ganze Orgelwerk kommt ohne Super und Suboktavkoppeln aus, welche sicherlich das ganze Ensemble noch zusätzlich bereichert hätten.
Walcker opus 1405 in Grossrudestedt

Hier allerdings ganz bodenständig. Der Raum nimmt das Ganze dankend an. Momentan ist das ganze Werk noch unspielbar soll aber demnächst komplett restauriert werden. Der Spieltisch steht wie gehabt frei und blickt in den Kirchenraum.
freistehender Spieltisch

Der Tastaturumfang ist noch begrenzt auf C-f³ und C-d'. Später war die Firma Walcker Vorreiter und selbst kleinste Instrumente bekamen C-a³  und Pedal C-f'. Das Werk in Grossrudestedt ist vollpneumatisch und arbeitet mit Kegelladen der Erfindung des Hauses Walcker. Rückseitig der Orgel sind 2 Bälgetretertritte vorhanden mit eingegossenen Namenszug "WALCKER".
Bälgetreter- Tritte mit dem Erbauernamenszug

Später wurde eine elektrische Windmaschine nachgerüstet incl.neuem Windkanal. Leider funktioniert das Werk noch nicht, aber welche Freude wird sein, sobald die Restaurierung durch ist. 90mm WS bringen ordentlich Druck in den Hauptstimmen, Aeoline und Voix céleste werden himmlisch in Überzeugung treten. Vorfreude pur!