Sonntag, 5. Juli 2026

ANNABURG op.368 aus 1913

 In Annaburg einer Kleinstadt zwischen Torgau und Wittenberg entstand Rühlmann´s Opus 368, erbaut im Jahre 1913.

Orgel in Annaburg, Gehause von 1913!

Für eine so "kleine" Kirche hat die Orgel recht gewaltige Ausmaße und bietet dem Spieler und dem Hörer eine Fülle und Bandbreite an feinst differenziert abgestuften Klangfarben. 22 verschiedene Register in herrlichster spätromantischer Ausführung bieten mannigfaltigste Kombinationen raum, 9 Register stehen im Schwellkasten darunter ein Zartgedackt 16'. Die Orgel besitzt sehr ungewöhnlich noch ihre originalen Prospektpfeifen aus der Erbauungszeit, (1917 mußten Diese dem Militärfiskus abgeliefert werden, man brauchte Material) Diese Prospektpfeifen dienten bei einigen Restaurierungen von Rühlmann Orgeln schon als Grundlage. Der Manualumfang beträgt C-g''' und der Pedalumfang von C-f'. Der Magazinbalg steht auf dem Dachboden der Kirche in einem Balghaus. Eine alte, jetzt neue Laukhuffsche Windmaschine erzeugt den nötigen Spielwind und liefert maximal 13cbm/min.
Spieltisch der Orgel in Annaburg opus 368

In der Orgel sind mehrere große Ausgleichsbälge vorhanden sowie auf jeder Windlade zusätzlich noch ein Stoßfänger um absolut gleichmäßigen Windfluß auch bei vollgriffigstem Spiel zu gewährleisten! Im ersten Manual dominieren die starken Register unüberhörbar: Gambe8' Principal8' Oktave 4' Mixtur3&4fach. Selbst als Begleitmanual lässt sich dieses "Hauptwerk" einsetzen mit einem zarten Dolce8' einer kräftigeren Hohlflöte8' Flûte harmonique4' einer überblasende Flöte die Rühlmann von Cavaille-Coll,Paris mitbrachte. leider sind die Oktave, Flûte harm. und die Mixtur im Untergehäuse auf einer separaten Windlade angeordnet so das die strahlende Wirkung etwas gemildert wird.
Windlade mit Mixtur im Untergehäuse der Orgel und Stoßfänger ganz links.

Der Bordun16' ist obligatorisch und dient jedem Register als Vater und Begleiter. Er lässt sich auch solistisch benutzen. Kommen wir zum interessanten II.ten Manual: die Vox Celestis8' hier mit der Aeoline8' erklingt - einfach nur schön aber schon ein wenig kraftvoll...die Portunalflöte8' hat einen ganz eigenen kraftvollen Charme der ganz anders ist als alle anderen Flöten der Orgel-damals eine Entwicklung von Rühlmann jr, die er aus seiner Zeit bei Furtwängler&Hammer mitbrachte, genau wie die Tascheneinschaltung der Register....
Taschen-Registereinschaltung (hier im Bild Mittelhausen op366)

.Die Flöte wurde selten eingesetzt, unter anderem in Jüterbog opus300-1908. Geigenprincipal8' klingt wie es soll, Flauto amabile4' ist eine schöne Flöte die schon glanz bringt, dann kommt die Fugara4' (sie klingt wie ein Geigenprincipal4') leichter Strich im Ton, bringt Kraft und Klarheit in das Schwellwerk. Eine durchschlagendes Rohrwerk (heute Zungenstimme genannt) die Oboe8' hat etwas markant Näselndes. Ein Zartgedackt16' deckt das ganze Rund ab und gibt absolute Wärme und Fülle-es mag barocke Organisten schon gruseln- es wird noch besser. Im Pedal beginnt ein ganz leiser aber prägnant streichender Salicetbass16' Ahnlich dem bekannten Harmonikabass16' aber dieser ist ja bekanntlich aus Holz, der Salicetbass ist aus Zinkblech und ist voll ausgebaut, besitzt Rollenbärte für den markigen Strich im Ton. Dazu treten Violon&Subass 16' Principalbass&Violoncello8'. Man schließt den Schweller, der übrigens große Türen hat (ca 300mm breit, nicht wie heute 70mm, da ist die Öffnung im Verhältnis zur Türbreite ganz anders) Rühlmanns Türen öffnen auf 90° nach vorn, so das eine riesiger Raum frei wird für den Klangaustritt, auch hier eine Modernität, eine Orgel mit "Drahtseilen" Über den Balanciertritt werden die Schwell-Türen über ein Drahtseil und Umlenkrollen geöffnet oder geschlossen. Wahnsinn....kein Holzgestänge mehr. Man hat im ersten Manual nur Gamba'Hohlflöte8'Principal8' als Spielregister, der Schwellkasten ist geschlossen, Manualkoppel und Superoktavkoppel II-I sind aktiviert, auf II sind registriert: Geigenprincipal8'Portunalflöte8'Fugara4'Oboe8'Zartgedackt16'Lieblich Gedackt8'! man spielt unten auf I.Man. und zieht den Schweller über Rühlmanns "Pantoffeltritt" auf. Man hört vorher schon wie da etwas mitspielt was ungewöhnlich ist, dann gehen die Türen auf, da kommt eine Klangmasse heraus.
Spieltisch der Orgel

Die obertonreiche Oboe und die Fugara gemeinsam mit der Superoktavkoppel II-I liefern etwas, man denkt man hat da eine Cymbel3fach oder ähnliches als Klangkrone gezogen- wahnsinn, dabei ist noch gar keine Mixtur gezogen. 2 freie Kombinationen und ein Rollschweller machen es einem sehr leicht alleine an dem Instrument klar zu kommen, es macht einfach Freude. Der Schwelltritt, der Balancier ist als eine Art Pantoffel ausgeführt, er ist am unteren Ende gelagert, man muß ihn mit dem Spann wieder hochziehen...typisch Rühlmannsche Eigenentwicklung.
Balanciertritt zum II.Manual

Das Instrument ist gut spielbar aber leider ist noch nichts in Richtung Wartung gegangen, Windversorgung bricht bei dieser Fülle von Registern und der Superoktavkoppel zusammen, resultierend aus Undichtigkeiten, jetzt wird erst einmal etwas gegen den wütenden Holzwurm getan, es wird begast. ein erster Schritt zur Werterhaltung. Der Rollschweller funktioniert nicht mehr richtig und benötigt eine dringende Wartung.
reparierte Rollschwellersteuerung muß nochmal durchgreifend durchgesehen werden.

1997 wurde die Orgel von Rainer Wolter instandgesetzt. Ein überaus wertvolles Instrument in Verbindung mit der Orgel in Mittelhausen op.366 (2 Werke vorher) und Steuden op.384 (16 Werke später),, riesige Schwellwerke die eine Aussage haben. alle auf den Dorfern in Sachsen-Anhalt. 

Freitag, 12. Juli 2024

Zwei Instrumente, gleich und doch unterschiedlich: DERENBURG & DANSTEDT

  Auf Orgelfahrt in Sachsen-Anhalt wollte ich Instrumente aus der Spätperiode des Lehr und Meister-Vaters von Orgelbaumeister Wilhelm Rühlmann, erkunden. Zwei Instrumente aus dem selben Erbauungsjahr mit annähernd gleicher Disposition lagen nahe zu besichtigen. 

Orgel in Derenburg.

Als erstes die Orgel in DERENBURG (bei Blankenburg/Harz) und als zweites die Orgel in DANSTEDT, 5 Kilometer entfernt. 

Orgel in Danstedt

Beide Instrumente wurden 1888, fast schon in der Spätperiode,von der berühmten mitteldeutschen Orgelbauanstalt von Friedrich Ladegast in Weißenfels erbaut. Dem anhaltinischen "Klangpoeten" wie man so sagt, wir im Orgelbau würden sagen, eines der brilliantesten Menschen mit einem Gespür für feinste Nuancierung und Abstufung des Klanges, aufbauend zu einem großen beeindruckenden Ganzen gepaart mit solider und ausgereifter Technik.

Friedrich Ladegast im Kreise seiner Orgelbauer. Späte Periode.


In Derenburg begegnet einem ein Instrument wo man als Erstes denkt, wow, eine Renaissance Orgel. Ein beeindruckendes Gehäus, und ja, es stammt aus der Zeit um 1580. Wahnsinn. Es kommt von der Vorgängerorgel die aus der Martinikirche in Halberstadt angekauft wurde, erbaut von Orgelmacher David Beck.

1888 schuf Ladegast ein 25 stimmiges Instrument, welches im Renaissancegehäuse eingebaut wurde. Im Inneren hat man Bewegungsfreiheit und alles ist leicht erreichbar. Klanglich beeindruckt das Werk auch geschuldet dem großen halligen Kirchenraum mit allen Stimmen, fantastische Flöten, nicht allzuscharfe Streicher die sich gepflegt unterordnen den hornig kraftvollen Principalen. gekrönt wird das Ganze angefangen durch eine Rauschflöte 2fach (2,2/3'&2') gefolgt durch eine Mixtur 4-fach im Hauptwerk (I.Manual)  glanzvoll abgerundet wird das Gefüge durch die Progressiv-Harmonika 2-3fach auf dem "Oberwerk" (II.Manual) Ein zusätzliches Cornett 2-3fach auf dem I. Manual welches nicht repetiert, färbt strahlend Obertonreich den Gesamtklang ein.

Spielanlage in Derenburg.


Das wirklich reich besetzte II. Manual steht dem ersten Manual, dem Hauptwerk in nichts nach an Kraft. Eine Waldflöte 2' ist auch besetzt und lockt zu Solopartien im obligatem Spiel. Kraftvoll herrscht das volle Werk durch den Kirchenraum, das Rohrwerk "Clarinette 8' " bringt farbige Grundtönigkeit mit exquisiten Obertönen in den Gesamtklang. Die Stimme ist als durchschlagende Zungenstimme (Rohrwerk)
durchschlagende Clarinette 8' mit Holz-Nuß.

ausgeführt. Holzfüße, die Nuß aus Holz gefertigt, der konische Schallkörper ist von Orgelmetall ferfertigt. Die Posaune 16' des Pedales besticht durch ihre Durchdringlichkeit und Mondänitiät. Pfeifenfüße , Nüsse und Schallkörper von Holz gefertigt, die Zungen sind aufschlagend und schmettern durch den Kirchenraum. Beeindruckend sind auch die festen Gruppen die über Tritte einschaltbar sind, funktioniert leider leidlich und wurde noch nicht instandgesetzt. Flöten, Streicher, Oktaven und dann Mixturen und Rohrwerke. also Piano-Forte-Fortissimo-Mezzoforte-Tutti, alles additiv.
Registratur und Gruppenschaltung in Derenburg.


Die Orgel wird über mechanische Kegelladen gesteuert, eine alte Windmaschine versorgt das Instrument mit ausreichend Wind. Alles in Allem beeindruckend ursprünglich, die Gemeinde hat noch nicht das Geld um die komplette Überholung des original erhaltenen Werkes zu beauftragen. Phantastische Spielfreude weckt die Orgel auf alle Fälle. Organistin Katharina Hildebrandt kümmert sich liebevoll um die Belange der Orgel und der Musik in der Kirchgemeinde. 

Kollektivtritte in Derenburg

Kollektiveinschaltung und Registerschaltung in Derenburg

Im Nachbarort DANSTEDT befindet sich ein fast baugleiches Instrument. lediglich Salicional 4' im II.Manual fehlt. Gesteuert das ganze Werk auch mit mechanischen Kegelladen. Die Kollektivtritte zur Gruppenschaltung wurde nicht mit installiert da die Raumhöhe und der Platzbedarf im, hier auch historischen wiederverwendeten Gehäuse, nicht gegeben war und ist. Auch hier im Gehäuse der Vorgängerorgel erbaut von Papenius um 1745.

Spielanlage in Danstedt.

Die Orgel steht sehr gepflegt da, die Danstedter stehen zu ihrer Kirche und auch zu ihrem vorzüglichen Instrument. Die Pflege hat Orgelbau Hüfken-Halberstadt, liegt ja auch nah, Halberstadt befindet sich gleich in der Nachbarschaft.
Orgel in Danstedt mit original Principal von 1888.

Der HauptwerksPrincipal 8' im Prospekt stehend, ist von dem Kriegsfiskus 1917 verschont geblieben und ist heute einer der wenigen erhaltenen und klanglichen Originalen dieser Zeit. Beim Besuch beider Instrumente erstaunt man auf der einen Seite über das vor Kraft strotzende volle Werk in Derenburg und an Eleganz und Geschmeidigkeit überzeugenden vollem Werk der Orgel in Danstedt. Entweder hat das Friedrich Ladegast so "hineinkomponiert" oder....ich habe keine Erklärung. In Derenburg ist die Pedal-Posaune 16' aufschlagend und schmettert, in Danstedt ist die PedalPosaune 16' als durchschlagende Zungenstimme ausgeführt, dadurch eleganter aber auch viel ruhiger. Kraftvoll im Raum stehen beide Instrumente auf jeden Fall. Ein Instrument Edel und Rund und ein Instrument Kraftvoll und Kantig; das sind die beiden Orgeln in den Orten Derenburg und Danstedt.
Derenburg von der Seite.


Dienstag, 4. Juni 2024

Furtwängler&Hammer Orgel Op. 836 in Braunsbedra/Anhalt 1916

Braunsbedra, ein Ortszusammenlegung bestehend aus den Dörfern Braunsdorf und Bedra, in Braunsdorf steht eine Orgel von Friedrich Ladegast und in Bedra ein Werk der Firma Furtwängler&Hammer-Hannover aus dem Kriegsjahr 1916. Ladegast in Braunsdorf folgt in einem der nächsten Posts. Nun aber zu Bedra. In der Gnadenkirche dort stand ein spätbarockes Werk der Gebrüder Trampeli welches, wie es damals üblich war, geopfert wurde, weil es ausgespielt war. Das originale Gehäuse wurde beibehalten und instand gesetzt. 

Braunsbedra Hammer Orgel im Barockgehäuse

 

Das neue Werk wurde nicht wie üblich bei der sich in der Nähe befindlichen leistungsfähigsten Orgelbaufirma in Mitteldeutschland - Rühlmann in Zörbig bestellt, sondern bei einem derer Konkurrenten im damals weit entfernten Hannover bei Furtwängler&Hammer. Inhaber und Firmendirektor war Adolf Hammer (*Herzberg am Harz 6.4.1854+5.3.1921 Hannover) einige große und beeindruckende Instrumente sind aus seiner Ära hervorgegangen, teilweise im II. WK untergegangen(Hannover Stadthalle IV-Manuale). zwei existierende Beispiele: Salzwedel - Marienkirche 1913 und Verden/Aller, Domorgel erbaut 1916 - die große Schwester unser hier vorgestellten Orgel in Braunsbedra. 

In Bedra wurde ein bescheideneres Instrument aufgestellt, aber dennoch berauschend durch Klänge in dem kleinen Kirchenraum. Das II. Manual - im Schweller - besticht durch zartere und Solostimmen. Flötenprincipal8' und Quintatön8' geben solistische Kraft, Flauto traverso8' und Voix celéste8' zeichnen sich durch Tonschönheit aus. 

Spieltisch von Hammer-Hannover 1916

Im I. Manual sind starke Register zu finden: Gamba8' Principal8' Offenflöte8' geben Kraft, Bordun 16' erzeugt Fundament und Mixtur und Trompete8' bilden das Finale an Kernigkeit und gleichzeitiger runder Brillianz. Durch den Einsatz der Super und Suboktavkoppeln von II auf I erzeugt das "zarte" Schwellwerk einen zusätzlichen Effekt an Klangzuwachs alle 8'Füße werden zu 16'Füßen und der eine 4'Fuß, die "Zartflöte" wird zum brillianten 2'Fuß. 

Rollschweller & Balanciertritt (heute festgeschraubt)

Das Pedal, welches schon einen Tonumfang von C-f' besitzt, ist etwas spärlich besetzt, ein "Zartbass16' " ist eine Transmission vom Bordun16' aus dem I.Manual. Die anderen 3 Register Subbaß16' Violon16' und Principalbaß 8' sind selbstständige Register. 

der Rollschweller ist obligatorisch und wirkt auf alle Register. 

Firmenschild von Adolf Hammer

Heute bietet sich ein trauriges, umdisponiertes Bild: Trompete8' ist beraubt, Oktavkoppeln funktionieren nicht richtig oder sind gänzlich außer Funktion, die Schwelljalousien sind ausgebaut und der Balanciertritt ist festgeschraubt. Viele der 8' sind abgeschnitten und als Aliquotregister eingesetzt....sie plerren rein und stören den Gesamtklang. 

Spieltischrückseite

Hier ist zu hoffen das man eine Rückführung anstrebt, die auch leicht durchzuführen ist, die Pneumatik mit der das Instrument gesteuert ist, kann man auch , wenn es eine Fachfirma ausführt- ordentlich spielfähig machen.

Stifter-Schriftzug von 1916

Die Orgel ist die kleine Schwester der Domorgel in Verden. Die Klänge sind im kleinen Styl die selben und harren der Wiederherstellung. Damals von der Freiherrin Clara von Helldorf-Bedra gestiftet, der untere Adel ahnte sicher den Niedergang des Reiches inmitten des ersten Weltkrieges und Investierte in ein neues Instrument. 

Totalansicht

Frau von Helldorf-Bedra war auch schon betagt und verlor ihren Mann in früherer Zeit.  Pneumatische Taschenladen nach dem System der Firma Hammer-Hannover, selbst das umgebaute Instrument, seinen Funktionen beraubt, gibt immer noch Spielfreude. Man erspielt sich den Geist der Erbauer.

Prospektdetail und moderner Spieltisch

Im nächsten angefügten Bild die Disposition in der Gegenüberstellung Original vs. Umdisponiert.



Mittwoch, 14. Februar 2024

Orgelbaumeister NICOLAUS SCHRICKEL * EILENBURG

 Eilenburg´s Orgelbauerscene ist momentan noch nicht eingehend erkundet und es gibt zu wenig ungesichtete Artefakte in Archiven darüber. 3 Orgelbaumeister sind definitiv belegt, davon zwei sogar zur gleichen Zeit im selben Ort mit ihren Firmen tätig. 

Buckau bei Herzberg

Ich stelle heute den schillerndsten und doch im Schatten des Anderen stehenden Orgelbaumeister vor : NICOLAUS SCHRICKEL. Lange waren die Lebensdaten nicht komplett bekannt, ich forschte nach mit Hilfe vom befreundeten Organisten Hans-Jürgen Freitag in Ilmenau und wiederum sein Freund, Thomas Weiss, der Archivarbeit betreibt, dieser wurde fündig. Aus der Forschung ergibt sich:

Nicolaus Schrickel war kein Eilenburger, er wuchs in Unterpörlitz bei Ilmenau auf. Am 15.3.1820 erblickte er das Licht der Welt und wurde 4 Tage später am 19.3.1820 in der alten Kirche im Ort getauft. So sagt es das Taufbuch des Dorfes. Wie er nach Eilenburg kam ist ungewiss, er durchlief die Orgelbauerlehre beim ansässigen Eilenburger Orgelbaumeister Louis Weineck, der 1844 überraschend nach Bayreuth übersiedelte. Wahrscheinlich gab es Querelen mit der königlichen Regierung und er floh.

freistehender Spieltisch evtl. Op.2 Battaune

op. 2 Battaune bei Eilenburg, vrgl. Gehäuseform mit Lissdorf.

 Schrickel absolvierte die Meisterprüfung und übernahm die Werkstatt. Ein weiterer Schüler und Lehrling Weinecks war zu der Zeit gerade auf Wanderschaft und kehrte später heim, Conrad Geissler - und machte sich auch in seiner Heimatstadt selbstständig. Im Jahre 1845 bekam Nicolaus Schrickel das Bürgerrecht der Stadt Eilenburg. Seit dieser Zeit bis in sein Todesjahr 1893 sollen laut Fachzeitschriften mehr als 60, einige sprechen sogar von mehr als 100 Instrumenten, entstanden sein. 

Firmenstempel

Es wurde bisher noch kein Werkeverzeichnis erstellt, Kollege Daniel Ulrich und ich erstellten vorab ersteinmal eines... zumal viele seiner Orgeln in kleinen bis kleinsten Orten und Kirchen zu finden sind, viele nur mit 4-6 Register groß und angehängtem Pedal. hier der Link: Schrickel Opus Verzeichnis
Titelseite eines Angebotes


Aufträge kamen auch vom damals mit vollen Auftragsbüchern überlasteten Friedrich Ladegast in Weissenfels.

Lissdorf bei Eckartsberga, im Auftrag von F. Ladegast.

Im Jahr 1858 erschuf er sein größtes Werk, die Orgel für seine Heimat, für die Jakobskirche in Ilmenau mit einem beeindruckenden Gehäuse, dort ausgeführt von Tischler Fleischhack, welches heute noch besteht.(heute: Walcker Orgel op.1609 von 1911 darin) Mit diesem Werk übernahm er sich finanziell und auch technisch, schwere Schicksalsschläge trafen ihn zu dieser Zeit im Kreise seiner Familie, so weiss es die Festschrift der Ilmenauer Orgel von 1911!
Ilmenau Jakobskirche. Bild zeigt die alte Schrickel-Orgel siehe Spielschrank. ©Photo vor 1911, by Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg: WABW_Bü 1938_2

Unaufhörlich strebte er dennoch vorwärts. Am 13.5.1893 verstarb Orgelbaumeister Johann Nicolaus Schrickel und wurde in Eilenburg beigesetzt. Nun zum Werk: Als erstes: Gehäuse.
Tornau bei Bad Düben

Die Prospekte seiner Orgeln sind sehr oft verspielt, reich verziert und bemalt in feinster Biedermayer-Neoromanik-Klassizismus Manier. Einige weisen strenge Formen von Neugotik auf. 
Kühnitzsch bei Wurzen

Intonatorisch war er anderen weit vorraus, man hört förmlich seine thüringer Heimat. Absolut frische Principale in allen Lagen 8'4'2' begegnen uns, die tragfähig sind und "singen". Beeindruckend ist Viola di Gamba8' intoniert mit scharfen Strich und kraftvoller Lautstärke. Die Flöten sind von wärmster Schönheit. Hohlflöte ist klassisch derb vollmundig. Die Flauto traverso8' wurde in aufwendiger gedrechselter Form aus Nadelholz hergestellt und begegnet einem oft an seinen Instrumenten.

"Flöte traverse 8' " hier in Obernitzschka

Amabile 4' flötiger Ton feinste Nuancíerung zu den anderen 8' Fuß Registern. Ein besonderes Register ist die Flöte "Allemande" 8' oder 4' mit besonders schöner Färbung und Flötenton. Die Mixtur, meist 3 fach oder 4fach ist kräftig bis gewaltig auftragend. Der Repetitionspunkt liegt ungewöhnlich bei Fis.
Schnaditz, Orgel über dem Altar, heute Opus 1 von E.F. Köhler - Pretzsch 1933

Die Metallpfeifen weisen eine hohe Herstellungsgüte auf und sind hervorragend hergestellt. Die Holzpfeifen sind im selben Maße pinibel sauber gefertigt. Leider hatte der Meister zu seiner Zeit nicht allzugutes Material zur Verfügung, heute sind viele Pfeifen von Wurm zerfressen oder gehen aus dem Leim. Die Windladen sind allesamt als Schleifladen ausgeführt. Für die Ventilzugdurchführungen wurden keine Lederpulpeten sondern Bleiplatten verwendet, welche heute zu einigen Störungen führen. Abstrakten wurden als Rundstäbe ausgeführt, später flach. 

Rundabstrakten, Innenleben der Orgel in Paschwitz bei Eilenburg


Ein Markenzeichen seiner Orgeln sind die vielen freistehenden Spieltische direkt vor den Instrumenten. Aber auch Instrumente mit einschiebbaren Spielschranktüren wurden oft geliefert. Bemerkenswert und von absoluter Schönheit zeugen die Registerzüge vieler Orgeln. Ausgeführt in vollem weissen Porzellan mit edler Frakturbeschriftung- keine gedrechselten Registerknäufe!  Dazu die Bemalung der Registerstaffeleien.  

Registerzüge aus Porzellan, Roitzsch bei Torgau.

Ein Registerzug, die "Schwebung" ist ein Tremulant, meist zur Flöte 8'.

Roitzsch bei Torgau.

An einigen Prospekten hat der Meister sich selber verewigt, er war auch Holzbildhauer und Bildschnitzer. Davon zeugen seine überreich verzierten Orgelgehäuse. So weiß es u.a. die Chronik in Oberglaucha und ich hörte soetwas in anderen Orten auch bei meinen Orgelbesuchen.

Selbstbildnis v. Schrickel in Wöllnau

Selbstbildnis v. Schrickel in Oberglaucha


Heute kommen uns Schrickel-Orgeln eher ungepflegt, unspielbar oder schlecht restauriert und klapprig mit Fehlern daher. Man muß sagen,die Mechanik ist filigraner und störanfälliger. Aber eine fehlende Wertschätung dieser Instrumente die durchaus auf hohem Niveu gefertigt wurden sind ist auf dem Plan.

freistehender Spieltisch in Kolochau bei Herzberg/Elster

Abschließend sollte gesagt werden das Seine Instrumente - so kontrovers er auch baute - qualitativ auf gleicher Höhe mit denen seines Konkurrenten Geissler stehen müssen, Geißler baute handwerklich schwer und solide, Schrickel filigran und spielerisch. Außer die Gebläseanlage. Die Einfaltenbälge reichen für seine Orgeln nicht unbedingt aus. Hier baute er auch etwas, was besonders ist: die Schöpfanlage, sie wirkt wie texanische Erdölpumpen.
alte Schöpfanlage hier in Oberglaucha.


Die richtige Restaurierung macht es, dann erstehen die unendeckten Werke Schrickels zu neuem Leben und vermitteln-trotz all seiner Trauer in seinem Leben-Spielfreude und Schönheit des Tones. 


Copyright Bilder bei Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg Bild Ilmenau, alle weiteren Bilder: Archiv Christian Schmidt, Pressel

Montag, 14. August 2023

Firma Schuster & Sohn -Zittau und W. Rühlmann-Zörbig.

Was hat eine Firma aus dem entlegendsten Zipfel von Sachsen, Zittau, mit der mitteldeutschen Orgelbaufirma Rühlmann zu tun?

Hier zur Vorgeschichte. 

Der letzte Lehrling bei Firma Rühlmann, Erwin Lägel, ein Neffe des Werkführers Wilhelm Gronau, erlernte den Beruf des Orgelbauers in Zörbig. 1920 in Eilsleben / Börde geboren, welches auch sein späterer Wohnort war.

bei Rühlmann: 3ter v.l. Erwin Lägel.

1948 war in Zörbig kein Orgelbau mehr möglich, alle Mitarbeiter im Rentenalter oder im Krieg gefallen. Lägel trat in seiner Nähe, Magdeburg, bei Orgelbauer Felix Brandt in Dienst. Dieser war Intonateur bei Welte/Freiburg, dem Kinoorgelbauer und intonierte die Rundfunkorgel in Hamburg. Brandt und Lägel waren im ausgebombten Magdeburg nur als "Rucksackorgelbauer" unterwegs. So lernte Erwin Lägel alle verschiedenen Windladensysteme kennen, durch die Wartungen und Instandsetzen der versehrten Kriegsorgeln. Was Lägel an Intonation beim Rühlmannintonateur Gustav Busch nicht lernte, zeigte ihm Felix Brandt. Dieser starb sehr früh und überraschend, somit trat Lägel 1953 in die Firma A.Schuster&Sohn-Zittau, ein. Bis zum Renteneintritt war er Mitarbeiter und "unermüdlicher Außendienstmitarbeiter".  Soviel zu der Vorgeschichte.


Nach dem 2ten Weltkrieg fehlte es an allem, später noch an Firmen die Instrumente instandsetzen, reparieren oder Neubauten ausführen könnten. Rühlmann gab es nicht mehr, West-Firmen war es schwer auf sozialistischem Gebiet Orgeln zu warten. Die Gebrüder Schuster suchten händeringend um Mitarbeiter, übernahmen Herrn Lägel und begannen langsam im mitteldeutschen Raum sich einen Namen zu machen. Um 1965 hatte man schon lange Wartezeiten für Orgelmontagen oder Reparaturen und das bis zu 15 Jahre!!! Lägel war angeblich an 126 Orgelgeneralüberholungen und Umdisponierungen, 67 Orgelmontagen, 92 Windmaschineneinbauten und 128 Reparaturen an Harmonien beteiligt.

1992 Wallonerkirche Magdeburg, Erwin Lägel, Siegfried Schuster mit Frau.


Zu Orgelbauanstalt Schuster&Sohn-Zittau.

Kurzüberblick:

Andreas Schuster (1833-1918) gründete die Firma in Zittau 1869.

Andreas Schuster an der Orgel der Johanniskirche Zittau

Seine Söhne erlernten dasselbe Handwerk. Georg (1857-1936) und Ernst August (1860-1892). Der Erstgeborene Sohn, Georg, übernahm die Firma im Jahr 1900. Er war längere Zeit bei Marcussen/Dänemark beschäftigt. Sein Bruder Ernst August Schuster starb sehr früh. Es wurden "Schüsselladen" gebaut nach dem System Schiffner-Prag. (momentan noch keine erhaltene Orgel ausfindig gemacht, die, die erhalten sind, wurden zu Taschenladen umgerüstet) später wurden Pneumatische Kegelladen verwendet. Auch hier, die nördlichste Orgel der Firma damals in THAMMENHAIN bei Wurzen(1910). Georg hatte keine Nachkommen, dem jüngere Bruder waren zwei Söhne gegönnt die den Orgelbau in dem familiären Betrieb erlernten. Georg II Schuster (1887-1962) und Richard Schuster (1888-1970).
Richard, Georg II, Siegfried und Gerhard im Jahr 1932.

Beide führten den kleinen aber feinen Familienbetrieb in höchste Höhen. Es entstanden ab 1928 einige interessante und zum Teil große Instrumente. Viele mit "Freipfeifenprospekt" wie Gymnasium Zschopau, Zittau Frauenkirche, Spitzkunnersdorf. Seifhennersdorf IV-72 (1936) und Zittau Johanniskirche diese sogar ausgelegt auf III-100 waren die Marksteine. Nach 1945 dominieren Orgelprospekte mit Holzpfeifen, die letzte die damit ausgestattet wurde ist die Orgel der Stadtkirche in Bitterfeld.Übrigens auch hier, ein kompletter Neubau , die Rühlmann Orgel von 1909 op.318 wurde abgerissen. Die Holzpfeifen wurden aus der alten Orgel übernommen-Principal 16'. Dann der 2te Weltkrieg. Der erstgeborene Sohn von Georg II - Siegfried Schuster - arbeitete nach Kriegsdienst und Gefangenschaft dann bis 1947 bei Orgelbaufirma Kemper/Lübeck. Im Jahr 1953 übernahm man Erwin Lägel, ein weiteres Feld eröffnete sich, der mitteldeutsche Raum. 1963 übernahmen die Söhne von Georg II und Richard die Firma. Siegfried Schuster (1915-1994) und Gerhard Schuster (1918-1987). 

Gerhard und Siegfried Schuster an der neuen Orgel in Bitterfeld
 

Die Vettern leiteten die Firma gemeinsam bis 1987, ab diesem Zeitpunkt bis zu seinem Tod 1994 führte Siegfried Schuster die Orgelbaufirma alleine weiter.

Siegfried Schuster 1994 im Büro.

Nicht nur Herr Lägel wurde übernommen. Man disponierte und baute einige der Rühlmann Orgeln um. 

Hier einige augewählte Instrumente:

Erfurt Kaufmannskirche III-manualig

Orgel Kaufmannskirche Erfurt mit Schuster-Spieltisch

Zeitz Michaeliskirche III-manualig

Zeitz, Michaeliskirche,RühlmannOrgel mit Schusterspielti
sch

Wörlitz Parkkirche, Sandersdorf evangelisch, Sandersdorf katholisch, Rotta, Gräfenhainichen, Zeitz St Nicolai, Magdeburg St.Gertrud. Umsetzung Rühlmann aus Hohenedlau nach Berlin. um einige Projekte zu nennen. 

Rotta, Rühlmannorgel mit Schusterschen Rückpositiv

In der Kirche von Herrnhut bei Zittau wurde die Rühlmann Orgel opus 292 durch Kriegshandlungen 1945 zerstört und durch Schuster&Sohn 1957 neu erbaut incl. neuem Gehäuse mit Rückpositiv, welches heute wieder erweitert wurde von Eule/Bautzen.

Herrnhut, neue Orgel im Jahr 1957.