Sonntag, 5. Juli 2026

ANNABURG op.368 aus 1913

 In Annaburg einer Kleinstadt zwischen Torgau und Wittenberg entstand Rühlmann´s Opus 368, erbaut im Jahre 1913.

Orgel in Annaburg, Gehause von 1913!

Für eine so "kleine" Kirche hat die Orgel recht gewaltige Ausmaße und bietet dem Spieler und dem Hörer eine Fülle und Bandbreite an feinst differenziert abgestuften Klangfarben. 22 verschiedene Register in herrlichster spätromantischer Ausführung bieten mannigfaltigste Kombinationen raum, 9 Register stehen im Schwellkasten darunter ein Zartgedackt 16'. Die Orgel besitzt sehr ungewöhnlich noch ihre originalen Prospektpfeifen aus der Erbauungszeit, (1917 mußten Diese dem Militärfiskus abgeliefert werden, man brauchte Material) Diese Prospektpfeifen dienten bei einigen Restaurierungen von Rühlmann Orgeln schon als Grundlage. Der Manualumfang beträgt C-g''' und der Pedalumfang von C-f'. Der Magazinbalg steht auf dem Dachboden der Kirche in einem Balghaus. Eine alte, jetzt neue Laukhuffsche Windmaschine erzeugt den nötigen Spielwind und liefert maximal 13cbm/min.
Spieltisch der Orgel in Annaburg opus 368

In der Orgel sind mehrere große Ausgleichsbälge vorhanden sowie auf jeder Windlade zusätzlich noch ein Stoßfänger um absolut gleichmäßigen Windfluß auch bei vollgriffigstem Spiel zu gewährleisten! Im ersten Manual dominieren die starken Register unüberhörbar: Gambe8' Principal8' Oktave 4' Mixtur3&4fach. Selbst als Begleitmanual lässt sich dieses "Hauptwerk" einsetzen mit einem zarten Dolce8' einer kräftigeren Hohlflöte8' Flûte harmonique4' einer überblasende Flöte die Rühlmann von Cavaille-Coll,Paris mitbrachte. leider sind die Oktave, Flûte harm. und die Mixtur im Untergehäuse auf einer separaten Windlade angeordnet so das die strahlende Wirkung etwas gemildert wird.
Windlade mit Mixtur im Untergehäuse der Orgel und Stoßfänger ganz links.

Der Bordun16' ist obligatorisch und dient jedem Register als Vater und Begleiter. Er lässt sich auch solistisch benutzen. Kommen wir zum interessanten II.ten Manual: die Vox Celestis8' hier mit der Aeoline8' erklingt - einfach nur schön aber schon ein wenig kraftvoll...die Portunalflöte8' hat einen ganz eigenen kraftvollen Charme der ganz anders ist als alle anderen Flöten der Orgel-damals eine Entwicklung von Rühlmann jr, die er aus seiner Zeit bei Furtwängler&Hammer mitbrachte, genau wie die Tascheneinschaltung der Register....
Taschen-Registereinschaltung (hier im Bild Mittelhausen op366)

.Die Flöte wurde selten eingesetzt, unter anderem in Jüterbog opus300-1908. Geigenprincipal8' klingt wie es soll, Flauto amabile4' ist eine schöne Flöte die schon glanz bringt, dann kommt die Fugara4' (sie klingt wie ein Geigenprincipal4') leichter Strich im Ton, bringt Kraft und Klarheit in das Schwellwerk. Eine durchschlagendes Rohrwerk (heute Zungenstimme genannt) die Oboe8' hat etwas markant Näselndes. Ein Zartgedackt16' deckt das ganze Rund ab und gibt absolute Wärme und Fülle-es mag barocke Organisten schon gruseln- es wird noch besser. Im Pedal beginnt ein ganz leiser aber prägnant streichender Salicetbass16' Ahnlich dem bekannten Harmonikabass16' aber dieser ist ja bekanntlich aus Holz, der Salicetbass ist aus Zinkblech und ist voll ausgebaut, besitzt Rollenbärte für den markigen Strich im Ton. Dazu treten Violon&Subass 16' Principalbass&Violoncello8'. Man schließt den Schweller, der übrigens große Türen hat (ca 300mm breit, nicht wie heute 70mm, da ist die Öffnung im Verhältnis zur Türbreite ganz anders) Rühlmanns Türen öffnen auf 90° nach vorn, so das eine riesiger Raum frei wird für den Klangaustritt, auch hier eine Modernität, eine Orgel mit "Drahtseilen" Über den Balanciertritt werden die Schwell-Türen über ein Drahtseil und Umlenkrollen geöffnet oder geschlossen. Wahnsinn....kein Holzgestänge mehr. Man hat im ersten Manual nur Gamba'Hohlflöte8'Principal8' als Spielregister, der Schwellkasten ist geschlossen, Manualkoppel und Superoktavkoppel II-I sind aktiviert, auf II sind registriert: Geigenprincipal8'Portunalflöte8'Fugara4'Oboe8'Zartgedackt16'Lieblich Gedackt8'! man spielt unten auf I.Man. und zieht den Schweller über Rühlmanns "Pantoffeltritt" auf. Man hört vorher schon wie da etwas mitspielt was ungewöhnlich ist, dann gehen die Türen auf, da kommt eine Klangmasse heraus.
Spieltisch der Orgel

Die obertonreiche Oboe und die Fugara gemeinsam mit der Superoktavkoppel II-I liefern etwas, man denkt man hat da eine Cymbel3fach oder ähnliches als Klangkrone gezogen- wahnsinn, dabei ist noch gar keine Mixtur gezogen. 2 freie Kombinationen und ein Rollschweller machen es einem sehr leicht alleine an dem Instrument klar zu kommen, es macht einfach Freude. Der Schwelltritt, der Balancier ist als eine Art Pantoffel ausgeführt, er ist am unteren Ende gelagert, man muß ihn mit dem Spann wieder hochziehen...typisch Rühlmannsche Eigenentwicklung.
Balanciertritt zum II.Manual

Das Instrument ist gut spielbar aber leider ist noch nichts in Richtung Wartung gegangen, Windversorgung bricht bei dieser Fülle von Registern und der Superoktavkoppel zusammen, resultierend aus Undichtigkeiten, jetzt wird erst einmal etwas gegen den wütenden Holzwurm getan, es wird begast. ein erster Schritt zur Werterhaltung. Der Rollschweller funktioniert nicht mehr richtig und benötigt eine dringende Wartung.
reparierte Rollschwellersteuerung muß nochmal durchgreifend durchgesehen werden.

1997 wurde die Orgel von Rainer Wolter instandgesetzt. Ein überaus wertvolles Instrument in Verbindung mit der Orgel in Mittelhausen op.366 (2 Werke vorher) und Steuden op.384 (16 Werke später),, riesige Schwellwerke die eine Aussage haben. alle auf den Dorfern in Sachsen-Anhalt. 

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