Sonntag, 10. Oktober 2021

METZELS op. 245 aus dem Jahr 1903

 Im thüringischem Metzels steht die 245te Orgel der Orgelbauanstalt Rühlmann. Im vorderen Teil der Kirche auf der Empore über dem Altar gelegen, steht das barocke historische Gehäuse.


In ihm befindet sich seit 1904 das Orgelwerk der Firma Rühlmann aus Zörbig. Spätromantische Klänge vereinen sich hier. Leider wurde das Instrument in den 70er Jahren zu DDR Zeiten barockisiert in wenigen Registern.

Wir fanden das Instrument etwas desolat und reparaturbedürftig vor, aber wie zu erfahren war, soll es jetzt wieder hergerichtet werden, zu hoffen bleibt, das die verlorengegangen Klangfarben wieder auferstehen und die frische spätromantische Tongebung wieder aufersteht und den Kirchenraum füllt. Die Anlage besteht aus dem Hauptwerk, einem II.ten Manual und einer Pedalwindlade. Alle drei haben Stoßfänger zur Windberuhigung. Zusätzlich sind an der etwas exzentrischen Kanalführung angebrachte Ausgleichsbälge angebracht um den Wind absolut ruhig und konstant zu halten.

Die Windladen sind als pneumatische Registerkanzellen ausgeführt, hier noch mit eleganten Messingrohren wie es zu dieser Zeit bei Rühlmann üblich war. 

 

Dem Instrument wäre zu wünschen das die Prospektpfeifen bei der Restaurierung wieder in polierten Zinn ausgeführt werden würden.




Sonntag, 21. März 2021

die damals weltgrößte Orgel 1912 in HAMBURG St. MICHAELIS von E.F.WALCKER-Ludwigsburg

 Im Beisein s.M. des Kaisers und Max Reger wurde das damals weltgrößte Instrument in der Michaeliskirche in Hamburg eingeweiht. 1906 brannte die Kirche nieder und die darin enthaltene Hildebrandt Orgel der Barockzeit.

die alte Hildebrandt-Orgel

Während der Aufbauphase hatte man Gelegenheit um ein monumentales neues Orgelwerk zu erschaffen was bis in letzte Einzelheiten durchdacht und erprobt war.
Die neue Walcker Orgel 1912 mit "seitlichen Anbauten"

Der imperiale Spieltisch wurde als 1:1 Modell in der Orgelbauanstalt Walcker-Ludwigsburg angefertigt und so gestaltet das man alles verändern konnte. Organist Alfred Sittard (damals Dresden-Kreuzkirchenorganist) erörterte alles mit dem genialen Kopf der Firma, Oscar Walcker. Die schier unerschöpflichen Geldmittel wurden von der W.M. Godeffroy Familien-Fideikommiss-Stiftung zur Beschaffung eines nur mit besten Materialen und Mitteln zu beschaffenden Orgelwerkes bereitgestellt.
Walcker Orgel 1912

Die Heutige Orgel von Steinmeyer aus den 1960ern und die Neuordnung in den 2010ern durch Klais-Bonn wo wieder ein Fernwerk erstellt wurde-reicht an die alte viel monströsere Orgel nicht heran.
Walcker Querschnitt 1912

Ein kurzer Abriß: 163 Register auf 5 Manuale und Pedal verteilt. Alle Oktavkoppeln ausgebaut. I. und II. Manual bilden ein Gegenüber dem starken III. und IV.Manual. Das V. Manual ist als Fernwerk auf dem Dachboden,einem 20 Meter langen Beton-Tunnel als Schallkanal mit dem Kirchenraum verbunden, die Klänge "rieseln" mittig durch eine Rosette auf einen herab.
Anlage des Fernwerks

Etliche Stimmen des Pedals stehen in den Schwellkästen des III. IV. und V. Manuales und sind damit schwellbar.
InnenAnsicht der Walcker Orgel

Auch horizontale Trompeten sind vorhanden, aber nicht sichtbar.....im Schwellkasten des III.Manuals angeordnet auf einer aufrecht stehenden 4 Meter hohen Windlade sind Helikon16' Tuba mirabilis 8' und Hohe Trompete4'. Diese Stimmen erhalten erhöhten Winddruck: 190mm/WS. Mit was für einer Wucht und Kraft diese Register in die Kirche reingeblasen????Wahnsinn. 4x32' , 28x16', 59x8',  15 gemischte Stimmen (Mixturen) und 29 Rohrwerke (Zungenstimmen) prägen diese nach Spätromantischer und Elsässer Reform erbaute Orgel.
Vergoldung links am Prospekt

Vergoldung rechts

Gewaltig. Alles auf abstromprinzip basierende Hängebalgladen die elektropneumatisch angesteuert werden.
Querschnitt der Walcker Orgel 1912 aus der Festschrift von Sittard

2 Riesige Windmaschinen die um die 150 m³ Wind pro Minute erzeugen und die darauf sitzenden Dynamos für die 24 Volt Steuerspannung versorgen die Orgel. Ein seperates Gebläse versorgt das Fernwerk mit Wind. Dazu die Neugestaltung des Spieltisches mit Arkanthusranken und runden gestaffelten Registerschaltern.
der imperiale Spieltisch der Walcker Orgel 1912

Dieser imperiale Spieltisch wurde bis in die 1930er Jahre bei E.F.Walcker als Grundlage neuer zu gestaltender Spieltische herangezogen.
Spieltisch Doesburg opus 1855

Im erstenWeltkrieg verlor die Orgel ihre Prospektpfeifen, im II.Weltkrieg wurde das Werk ausgelagert und nie wieder aufgebaut..
Orgel 1945 nach den Bombenangriffen auf Hambug

..stattdessen erklingt ein Werk 2ter Wahl bis heute welches an die Ausmaße der alten spätromantisch-elsässischen Orgel niemals heran reicht.
Disposition der Walcker Orgel opus 1700 aus 1912

Die Orgel in Ilmenau bezeugt dies. Doesburg,Malmö, Barcelona, Oslo usw wurden so erbaut....diese elektropneumatischen Monstren sind leider nur Teilweise erhalten. Bilder sprechen mehr als 1000 Worte.
Spieltisch Darstellung

Walcker Orgel 1912 in der Michaeliskirche Hamburg



Sonntag, 28. Februar 2021

ILMENAU ein Instrument der Orgelbauanstalt E.F.WALCKER, Ludwigsburg, opus 1609 aus 1911

 Ilmenau. 1857 wurde die Orgel vom Eilenburger Orgelbaumeister Nicolaus Schrickel, (1820-1893) der aus Oberpörlitz bei Ilmenau stammte,  in das typisch für ihn aussehende Gehäuse welches der Ilemenauer Tischler Friedrich Fleischhack anfertigte, eingebaut. (III/37).

Bild aus Festschrift 1911

Das Instrument wurde schon bald störanfällig und die mechanische Traktur, sicher auch ein Kritikpunkt an vielen Schrickelorgeln, wies immer wieder Fehler und Störungen auf. Klanglich orientierte es sich an den Hinweisen des Orgeltheoretikers Töpfer, und später wurde die Intonation durche viele Reparaturen und andere Einflüsse auch immer unbrauchbarer.  Der neue Organist  ab 1904 - Edwin Schmuck quälte sich sicher sehr auf diesem Instrument, immer wieder Reparaturen und keine Verbesserung, überall ringsum entstanden neue moderne beeindruckende kleine und große Orgelwerke. Er kämpfte auf einem Gebrauchsinstrument für den Gottesdienst,welches jedoch nicht für große Aufführungen und Orgelkonzerte konzipiert war. Er wurde der Motor des neuen Orgelbauprojektes.
Walcker Werbeblätter aus 1911

Vor 1911 besuchte er in ganz Deutschland besonders neue Walcker-Orgeln, traf mit deren Organisten zusammen besonders Holtschneider - Dortmund (St.Reinoldi Walcker (op.1500; V/105) und Emil Rupp-  Strassburg wurden zu guten Bekannten und Freunden. Organist Schmuck wollte eine Orgel die nach neuesten klanglichen und technischen Stand erbaut werden soll. Ein Instrument sollte nach neuesten klanglich ästhetischen Gesichtspunkten entstehen, ein Werk der Spätromantik- welches durch die elsässische Orgelreform entscheidend geprägt ist. Alle Manuale sollen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen incl der ihnen beigegebenen Stimmen.
Ilmenau im heutigen Zustand


Kein Geringerer als Emilé Rupp aus Strassbourg war Berater, Freund und beteiligt an der Einweihung an der Seite des Organisten Edwin Schmuck, der ein Orgelwerk haben wollte, welches ersten Rang einnehmen sollte. Ilmenau ist auch das letzte Instrument welches der (damalige Geschäftsführer) Carl Walcker- der Einführer oder Erfinder der pneumatischen Kegellade*(1)- am 1. Mai 1908 bereiste und erste Vorgespräche hierzu führte...danach in Ludwigsburg tödlich erkrankte und starb.



Später traf Edwin Schmuck mit dem neuen genialen Kopf und Chef der Orgelbaufirma E.F.Walcker-Ludwigsburg zusammen, Dr. Oscar Walcker. Dieser war bestens vertraut mit dem neuen Dispositionsschema elsässischer Reform.

Dr. Oscar Walcker - Inhaber der Orgelbauanstalt 1911


Die ausgearbeitete Disposition wurde an Emil Rupp-Strassburg gesendet, der diese, voller Freude, aufs Höchste lobte. Organist Schmuck besorgte die doch reichlichen Finanzen für den Neubau. Die Orgel überdauerte die Zeiten bis auf 7 Umdisponierungen und wechselnder Spieltische! Die Orgelbauanstalt Walcker war damals die größte, bestrennomierteste und teuerste Firma des deutschen Reiches ja schier der ganzen Welt. Ihre Werke sind damals schon auf etlichen Kontinenten zu finden.

Orgelbau-Anstalt Walcker 1902 zur 1000ten Orgel. (C)Archiv Walcker

Um die 220 Mitarbeiter waren in der Anstalt beschäftigt, man fertigte alles selber, Spieltische, Pfeifen, Windladen, eine große Konstruktionsabteilung, eine Entwurfsabteilung die alle Stilepochen beherrschte, konnte kolorierte Prospektzeichnungen erstellen. Windmaschinen wurden selber hergestellt, so auch die gelieferte in Ilmenau. Ausgezeichnet mit Goldmedaillen, so wurden Instrumente ersten Ranges und größter Abmessung erstellt, mit Güte des Materials und einer Klanglichkeit die noch heute bezaubert. Nix mit Fabrik-Orgelbau. Das waren alles Kunstwerke!  Es war soweit, Frühsommer 1911, die Orgel wurde in Kisten aus Ludwigsburg angeliefert, die Aufstellung dauerte 6 Wochen. Die Monteure Langenstein,Gläser, Götz, Schmidt, Schölp und der Ilmenauer Gehilfe Köditz waren am Aufbau beteiligt.

Das Gehäuse der SchrickelOrgel blieb erhalten und musste nun ein doppelt so großes Werk in sich aufnehmen. Man übersprang hier bewusst eine Epoche der Technik und wendete gleich die damals neue Trakturform der "Electropneumatik" an. Es sitzt nur ein elct.pn. Relais unter den einzelnen Werken, welches gleich als "Splitter" dient, ab da geht es pneumatisch weiter zu den geteilten Windladen der einzelnen Werke.
Registereinschaltung der Hängebalglade

Hingegen aller Berichte ist hier keine "Kegellade oder Taschenlade" verbaut, hier wurde die teure aber extrem präcise, nur den electropneumatischen Instrumenten vorbehaltene "Hängebalglade" von Walcker verbaut wie in Hamburg op1700 und Doesburg op.1855 uvm. Eine auf Zustromprinzip basierte Abstrom-Windlade mit Keilbälgen und darauf sitzenden Scheibenventilen. 

Walckersche Hängebalglade

Das Beste was es auf dem Markt gab. Nur das III. Manual besitzt auch eine electropneumatische Kegellade. Der freistehende Spieltisch stand ehemals seitlich auf der Längsempore.
Vorrelais der Hängebalglade am Bombardon 32'

Dieser wurde von VEB Orgelbau Sauer Frankfurt/Oder neu erbaut ohne alle Funktionen der Oktavkoppeln und Manualumfänge aufzunehmen. 7 Register wurden umdisponiert, umgestellt und neu hinzugebaut. 1993 wurde die gesamte Anlage von der Orgelbaufirma Christian Scheffler-Sieversdorf, rekonstruiert, rückgeführt und überarbeitet. Ein neu erbauter Spieltisch von Fa. Heuss welcher nur angelehnt an die Ausführung der Firma Walcker ist, wurde jetzt mittig vor das Instrument gestellt. Er erfüllt alle Aufgaben, besitzt alle damaligen Funktionen mit Oktavkoppeln-und sieht fast so ähnlich aus. Hier weicht die Restaurierung vom Original ab.
Heuss-Spieltisch 1993

Die Electric wurde neu verlegt, was aus Brandschutzgründen nur zu begrüßen war.
neue ankommende Elektrik am Umschaltrelais. Im Inneren sitzen Magneten.

Das erste Manual entspricht den deutschen Gepflogenheiten und besitzt neben der Mixtur als Klangkrone noch ein Scharf 3 fach 1' welche auf einen breiten Fundament aus 16' und 8' stehen. Das gibt dem deutschen Hauptwerk mächtig strahlenden Glanz. Das II. Manual bildet mit seinen Registern eher ein Begleitmanual welches aber das Hauptwerk unterstützt. Auch hier Aliquoten: der ausgebaute Principalchor, Piccolo 2' und Mixtur 4 fach. Und etwas ganz besonderes, ein Glockenspiel welches als Metallophon gebaut ist und pneumatisch betätigt wird.
Metallophone- Glockspiel im II.Manual aus 1911

Alles gefertigt in der Firma Walcker. Im III.Manual, dem ausladenden Schwellwerk, sind alle Soloregister vereinigt, von leisesten bis zur strahlenden Klangkrone der Cymbel 3 fach- eigentlich 4 fach. Sesquialtera 2f. bringt Farbe durch ihren Terz ins Spiel. Voix céleste8' erklingt männlich straff und nicht seifig. Dazu ein Chor an Flöten und anderen Grundstimmen. Dazu gesellt sich, wie sollte es anders sein als elsässische Reformorgel der Orgel der Zukunft: eine Batterie an Rohrwerken. ein zartschnarrender Basson16' Trompette harmonique8' mit überlangen Schallkörpern, Oboe8' und ein Clairon 4'. Auf II: Klarinette8'. Im ersten Manual die klassische deutsche Trompete8' und dazu ein Cor anglais 4'.
Trompette harmonique 8' und Clairon (harmonique) 4' im III. Manual

Im Pedal beginnt der sanft streichende Harmonikabass 16'; Quintbass 10.2/3' erzeugt den akustischen 32' . Hierzu kommt der Bombardon 32' Posaune 16' Trompete 8'. Der Basson16' und Clairon4' sind geschickt angelegte Transmissionen.
Bombardon 32' im Pedal (nennt sich Posaune 32')

Und nun kommt das Beste: Manual II und III werden gekoppelt an Manual I und verdoppeln dessen Klangkraft. Noch nicht genug? Dann rein mit den Superoktavkoppeln II-I, III-I !!! Beide Manuale auf 70 Töne ausgebaut! Suboktavkoppeln II-I III-I geben sonore Fülle und verdreifachen den Klang der Register. Die alte Windmaschine muß einiges Leisten um diese Fülle an Wind bereitzustellen.
Walckersche Luftschleudermaschine - Motor  ist neu aus DDR-Zeiten.

Der Hauptkanal und anschließende Windführungen sind dementsprechend groß bemessen. Eine "bescheidene" Leerlaufkoppel I.Manual besorgt noch mehr Spielfreude. So kann man mit den Oktavkoppeln noch ganz andere Registermischungen erzielen, die Leerlaufkoppel wirkt wie "Handregister auf dem ersten Manual ab" man kann schon beliebig vorbereiten, die 32'16'8'4'2' Zungen spielen, was beeindruckend klingt und etwas an Cavaille Coll erinnert, aber nur etwas, es ist ja noch eine deutsche Orgel die das Deutsche gern mit dem französisch symphonischen Stil verbinden möchte und den Barock eines Silbermann schon im Augenwinkel hat. einige Prinzipale und Aliquoten sind nach silbermannscher Mensur erbaut, vielleicht nicht intoniert aber immerhin. Beeindruckend ist, daß schroffe Aliqouten und scharfe Streicher sich mit grundtönigen Flöten so vertragen.
electro-pneumatisches Relais und Splitter-Station unter den Registerkanzellenwindladen


Dazu die pompösen Rohrwerke. Wäre doch was fürs Zusammenleben auf unseren Globus. Jeder gibt sein Bestes hinein und es entsteht etwas ganz Edles, Neues. Dieses Dispositions-Schema fehlt jeder  "Barockisierung. Hätte man die neuen Aliqouten incl deren Mensuren besser zu den vorhandenen Registern der Spätromantik angepasst würde auch dort etwas Einheitliches herauskommen. Hinter dem Hauptspieltisch, der sich damals auf der Seitenempore befunden hat....findet man im alten Spielschrank einen weiteren kleinen Hilfspielschrank....von dort können viele Stimmen des I.Manuales rein pneumatisch gespielt werden.

Hilfsspieltisch im Orgelgehäuse


Dieser wurde inclusiv eines Notbehelfs für Bälgetreter vorgesehen. Im Falle eines Stromausfalles kann man wenigstens Notdürftig die Gemeinde begleiten. Da sich der Spieltisch damals seitlich auf der Nachbarempore befand wollte man von hier aus auch einige Chorstücke direkt begleiten. 

und so hörts sich an: 

https://www.youtube.com/watch?v=Finh_SVgI1A   (Superman - J.Williams, Filmmusik)

https://www.youtube.com/watch?v=Aq-TB47tmPE (Der Denver Clan von Bill Conti.....mit Glockenspiel)


 www.walcker.com

*(1) aus Oscar Walcker -  Erinnerungen eines Orgelbauers 1948 S.16

Festschrift von Edwin Schmuck 1911

E.F.Walcker königl. württ. Hoflieferanten Festschrift zur 1000ten Orgel 1902. 

Orgelbau-Archiv Christian Schmidt



Montag, 18. Januar 2021

KÜHNDORF op.379 aus 1914

 In Kühndorf bei Suhl wurde 1914 eine von 4 Instrumenten in der Region aufgestellt. In Metzels steht op.245 aus 1903 in Kloster Rohr op.372 aus 1914 und in Dillstädt op.386 aus 1915. Viernau op.444 aus 1930 kam erst später hinzu. 

Kühndorf.

Das barocke Gehäuse wurde wiederverwendet und klingend belassen. Kraftvoll fegt das volle Werk durch den Raum, die einzelnen Stimmen sind von einer solistischen Schönheit. Im Zuge von Umbauarbeiten in der Kirche zu DDR-Zeiten wurde das Instrument, welches ursprünglich über dem Altar aufgebaut war, auf die Westempore versetzt, aber gottseidank nicht verändert. Qualitätsvolle Verarbeitung aller Teile beeindruckt heute wie damals. Registerschilder aus Porzellan sind hier erstmals mit gotischer Frakturschrift versehen.
Frakturschrift auf den Schaltern.

Entgegen dem Rühlmann-Buch von H-J. Falkenberg steht die Orgel nicht auf Taschenladen sondern auf den typischen Rühlmannschen Registerkanzellen! Hier das Beweisphoto:
Unterseite der pneumatischen Registerkanzelle (Kegellade) und Spieltischrückseite.

Im Spieltisch ist eine Inschrift des damaligen Kantors angebracht welche das Datum und die Monteure aus Zörbig benennt.Bemerkenswert ist auch die kurze Aufstellungszeit vom 30.7.bis 8.8. das sind 10 Tage.
Inschrift im Spieltisch.

Bruno Eule - der Chefintonateur, Wilhelm Gronau - der Werkmeister aus Zörbig, Paul Echten -  Orgelbauer der schon manch große Orgel mit aufgestellt hat, so auch op.300 in JÜTERBOG und Richard Rühlmann - Neffe des Firmeninhabers und ehemaliger Chefintonateur bis ~1906. Dieser wurde noch vor Beendigung der Aufstellungsarbeiten "zu den Fahnen " einberufen, da der beginnende erste Weltkrieg die ersten Opfer forderte.
Spieltisch mit eingeklebter Inschrift vom 8.8.1914

Saniert und überholt presentiert sich das schöne Werk, die Pneumatik funktioniert tadellos, die Klangfarben bestechen durch edle Schönheit. Lediglich den Zinnprospekt hat die damals neue Orgel eingebüßt.

Freitag, 15. Januar 2021

OPPELHAIN op.320 aus 1910

 In Oppelhain, das liegt zwischen Bad Liebenwerda und Finsterwalde, wurde 1910 Rühlmanns opus 320 eingebaut. 

 

Oppelhain Op.320 aus 1910

Die kleine Orgel überstand 1917 die Abgabe der Prospektpfeifen, und besitzt noch den originalen Zinnprospekt der damaligen Zeit. In das kleine historische Gehäuse aus Barockzeiten wurde ein viel mehr Platz beanspruchendes Werk hinein konstruiert somit sind seitlich links und rechts Gehäuseerweiterungen sichtbar die im Stil der Orgel angepasst wurden.

Orgelbau macht vor nichts halt: Decke aufgesägt für die große Gamba 8'

Alles bei Rühlmann Zörbig entworfen und erbaut. Dazu alles einheitlich farblich neu gefasst. So steht sie noch heute in der kleinen Dorfkirche. Restauriert wurde sie von Liebenwerdaer Orgelbau Voigt. Der typische Spieltisch ist hier seitlich positioniert.
seitenspieliges Orgelwerk

In dem kleinen Ein-Fuß-Gehäuse wurden 2 Manuale und Pedal untergebracht, im Spieltisch ist noch zusätzlich eine Suboktavkoppel II-I untergebracht was der kleinen Orgel die nötige Gravität verschafft. Das Werk besitzt keine Mixtur, auf I.M. finden wir klassisch Hohlflöte8', Gambe8', Principal8' Oktave4' auf II.M. Lieblich Gedackt8' und Flauto amabilé4'. Auf dem Pedal: Subbass 16' und Gedacktbass8'. Alles steht auf den typischen Registerkanzellen mit Hubmembranen, selbst der Magazinbalg inclusive des Fußantriebes ist im kleinen Gehäuse untergebracht.
Fußantrieb rechts am Gehäuse

Ein herrliches Werk für so eine kleine Kirche. Die Intonation besorgte der damalige Chefintonateur Eule der kräftig, kernig dabei absolut klangschöne Registerklangfarben vorlegt die einfach nur beeindrucken. Empfehlenswert.

Donnerstag, 3. Dezember 2020

SELBITZ op.414 aus 1926 (bei Kemberg)

 Südlich von Wittenberg liegt etwas abseits der kleine Ort Selbitz. Hier wurde 1925 die baufällige Barockkirche durch einen gleichgroßen Neubau mit historischen Ausstattungsstücken aus dem Vorgängerbau versehen. Die alte Orgel wurde dabei nicht berücksichtigt. Hier musste etwas kleines aber Neues her. Man bat Wilhelm Rühlmann im nahen Zörbig ein entsprechendes Werk zu konzipieren. In der Nachkriegszeit sicher ein schweres Unterfangen, wenig Geldmittel und wenige Fachleute waren vorhanden. Es wurde ein neobarockes Gehäuse entworfen mit Anlehnungen an die zwanziger Jahre.   


 

 Zwei hohe Seitentürme flankieren ein breites Mittelfeld in dem einige Pfeifen des Principal 8' stehen. Alles in Zinkausführung der Notzeit geschuldet. Dabei wurde in der Orgelbauanstalt Rühlmann trotzdem immer auf peinlich genaue Verarbeitung geachtet. 

Spieltisch: man beachte das f'

Davon zeugen Windladen Pfeifen und Spieltisch und die technische Anlage. Am Spieltisch ist der größere Tastaturumfang C-g''' und Pedal C-f' vorhanden, bemerkenswert ist, das die Taste f' des Pedals noch ausserhalb des Chassis angebracht wurde. Vermuten lässt hier , das nur C-d' projektiert wurde und in letzter Minute der Umfang vergrößert werden musste. 

Blick in den inneren Aufbau

Die Registerstaffelei verrät: Hauptwerk: voluminöse Hohlflöte8' Principal8' Octave4' Rauschquinte 2 fach, hier wurde auch gespart...gedeckte Quinte und offene Oktave 2'  mit Zinkpfeifen. Auf dem IIten Manual kommt eine absolut zarte Aeoline8' ein markiges Lieblich Gedackt8' und eine starke Flûte harmonique 4' zum Einsatz. Im Pedal nur Subbass16'. Die Oberoktav und Unteroktavkoppel II-I bringen noch mehr Volumen in das kleine Werk, ohne aufdringlich zu wirken. Die kleine Orgel ist momentan etwas eingeschränkt spielbar zeugt aber von ihrer Erbauerfirma. Nix überspitztes, keine schrillen Aliqouten. Aber in Ihrer Intonation schon nicht mehr der alten Zeit behaftet....Instrumente die in Zukunft gebaut wurden wurden durch neuere barockere Register und Klangfarben ergänzt. Aber immer behutsam ohne es zu übertreiben.

Selbitz opus 414