Montag, 18. März 2019

Spätromantik lebt! WILHELM SAUER in GRÖBEN und TREBBIN.

Der epochal prägende Klangstil der orchestralen Orgel zu Beginn des 20ten Jahrhunderts der lange Zeit verpönt und verteufelt war, erlebt dieser Tage ein Revival - eine Rückbesinnung. Überall wo man eine Orgel aus dieser Zeit besuchen möchte ist´s dasselbe. "Sie ist ausgebaut und wird saniert!" Vom Erzgebirge bis zur Küste. Hier zwei unbedingt sehens- und vorallem hörenswerte Instrumente. Der ORGELBAU W. SAUER FRANKFURT/ODER GmbH gelang in der Dorfkirche GRÖBEN und der Stadtkirche TREBBIN (beide vor den Toren Berlins) eine hervorragende Restaurierung beider Instrumente.

Gröben op.1045 - 1909
Gröben Apsismalerei August Oetken 1909!
Zur kleineren Orgel in GRÖBEN. Erbaut von der Orgelbauanstalt Wilhelm Sauer 1909 als opus 1045. Sie steht bemerkenswerter Weise in einer ebenfalls 1909 erbauten Kirche deren Architekt kein geringerer als Franz Schwechten war. (*Architekt der KaiserWilhelmGedächtniskirche Berlin)
Außerdem besorgte die einmalige und originale Ausmalung der Kirche der ebenso bekannte Kirchenmaler August Hermann Oetken. Ornamentik und Apsishimmel sind bemerkenswert.
Dazu die kleine Orgel einer der führenden Orgelbauanstalten des deutschen Reiches, Wilhelm Sauer - Frankfurt-Oder! Sie kommt ganz schlicht daher-im Freipfeifenprospekt, auf II Manualen und Pedal nur 9 Register. Aber diese Stimmen besitzen so eine Aussage und entfalten im Raum eine derartige Schönheit das man auch nach einer Stunde Spiel Freude am Instrument und an den herrlichen Klängen hat. Das Instrument ist original erhalten, die technischen Komponenten wurden durchgreifend überarbeitet, klanglich wurden die gereinigten Pfeifen sehr behutsam nachintoniert - so daß der originale Charme der Register erhalten geblieben ist. Absolut besuchenswert und bis jetzt vollkommen unbekannt!
Trebbin op.959 - 1905 mit freistehenden Spieltisch

In TREBBIN fand man ein klanglich sehr auseinander driftendes umdisponiertes Werk vor, die Ausgewogenheit zwischen originaler Substanz und den "barockisierten Stimmen" harmonierte in keinster Weise miteinander. Die Streicher des I. und II. Manuales waren entfernt. Geigenprincipal 8' zu Principal 4' abgeschnitten, ebenso die Rauschquinte 2 fach. Es blieb nur der Principalchor mit Flöten und dem Cornett 3&4fach auf fundamentalen Bässen. Wie man auf so einem amputierten Instrument spielen kann- es ist ein Rätsel. Auch hier ist der Orgelbau W. Sauer GmbH ein echtes Kleinod der Rückführung in die orchestrale Spätromantik gelungen. Die Werke stehen - wie soll es anders sein- auf pneumatischen Registerkanzellen-Kegelladen- Diese prägen doch entscheidend den Klang und lassen besser als die Schleiflade (Tonkanzellen) die Soloregister zu klarerer Wirkung kommen, da die einzelnen Stimmen sich nicht gegenseitig anziehen können. Für orchestral symphonische Instrumente ist eine Registerkanzelle immer der beste Weg der Tonerzeugung!
Für Barock/Neobarocke - die Tonkanzelle! Ein intensives "Hinhören" bestätigt das! In Trebbin wurde nicht nur die prinzipalige Rauschquinte wieder nach originalen Vorbildern ergänzt sondern auch die scharfe Gambe 8' auf I. rekonstruiert und im Schwellkasten auf II die Voix Celéste und Aeoline 8' angelängt teilweise neu angefertigt inklusiv der speziellen Klangzügel (frein harmoniques) aus Messing.
Trebbin: Gambe 8' große Oktave aus Holz mit sauerschen frein harmoniques
Trebbin, rekonstruierte Registerschilder am historischen Spieltisch
Die Nachintonation besorgte der hauseigene Intonateur der Firma W.Sauer, Uli Moritz. Technisch wurde das Instrument auch hier durchgreifend überarbeitet. Ein fehlender Stoßfänger auf der Windlade Manual I wurde ergänzt. Sie funktioniert jetzt tadellos in ursprünglich grundtöniger Klangpracht, was die Trompete8' und Posaune 16' sehr kraftvoll verstärken. Kein strahlender Barock sondern brachiale orchestrale Spätromantik ist hier wieder entstanden. Beeindruckend!
Trebbin, Rollschwelleranzeiger und Firmenschild aus Glas 1905!
Die gleiche Firma rekonstruiert momentan das Instrument in Jüterbog St.Nikolai (Orgel von W.Rühlmann opus300!!)  Rühlmann baute im Vergleich zu W.Sauer weniger Instrumente, war begrenzt auf den mitteldeutschen Raum, aber dafür auf exquisiten Niveau mit einer-zu W. Sauer- differenzierten, eigenen Klangaussage- Beide SPÄTROMANTISCH SYMPHONISCH.

Sonntag, 10. März 2019

Die untergegangenen Groß-Instrumente von Rühlmann

Wilhelm Rühlmann (*1842-1922) und sein 1907 mit ins Unternehmen aufgenommenen Sohn Wilhelm (*1882-1964) baute mit seiner Firma einige große Instrumente nach der Jahrhundertwende die in der Fachwelt als überaus beeindruckend gegolten haben müssen, so die Zitatate der Gutachten und Fachzeitschriften. Diese speziellen Instrumente fehlen leider heute Alle zur Restaurierung des Jubiläumswerks, der 300. Orgel in JÜTERBOG St. Nicolai.
Beginnend und auch unbekannt und erstmalig erwähnt, die RÜHLMANN ORGEL des Kirchsaales der BRÜDERGEMEINDE in HERRNHUT/Sachsen. Sie wurde als opus 292 im Jahr 1907 erbaut mit III Manualen und 40 Registern im Jugendstilgehäuse. Die Intonation dieser Instrumente muss schon von Intonateur Georg Eule ausgeführt gewesen sein. 1945 wurde Herrnhut zur Festung erklärt und nach einem Angriff der Alliierten Mächte mit samt des Saales zerstört. Späterer Neubau von Schuster&Sohn Zittau.
Hier erstmalig offiziell vorgestellt:
Op.292 Herrnhut 1907
Originalseite aus dem Firmenkatalog 1914

Gleich darauf folgend die Orgel der Nicolaikirche in Bad Düben, direkt vor meiner Haustür. Opus 294-1907. III-30. Sie wurde in den 1930ern von E.F.Köhler-Pretzsch umdisponiert und war um 1980 wegen eindringenden Wassers nicht mehr spielbar.
2008 wurde eine Restaurierung und Rückführung der Disposition  durch Christian Scheffler- Sieversdorf durchgeführt. Klanglich folgt diese Rückführung eher einer mildromantisch klingenden Orgel. Die rekonstruierte Clarinette 8'auf II. ist unterdes hervorragend gelungen. Die wiedererstanden disponierte Harmonia aetherea 3 fach auf II (konischer Terz 1 3/5', gedackte Quinte 2 2/3' und offener Octave 2') zeugt schon von einer neuen Klangpraxis bei Rühlmann, die Intonateur Eule vermutlich mit Rühlmanns Sohn Wilhelm, der ein halbes Jahr bei Furtwängler&Hammer Hannover war, mitbrachte.
Bad Düben, opus 297-1907 im Lochmanngehäuse, mit Zinkpfeifen aus 1917

Bad Düben, Register-Crescendo-Hebel wirkt auf Rollschweller und Anzeige


In dieser Zeit taucht auch der noch bis dahin unbekannte HARMONIKABASS 16' auf. offen, Holz, mit Rollenbärten. Zart aber prägnant durch den tiefen zarten Streicherton. Einfach Wahnsinn-dieser Klang.
Harmonikabass 16'  in op.311, Seebach. Pfeifenmünder, und Metallpfeife mit Streichbart für c'-d'
Nach dieser Orgel folgt Opus 300 im Jahr 1908 mit III-44 eher mager besetzt für die riesige Hallenkirche St. Nicolai in JÜTERBOG. Aber die finanziellen Mittel damals wie heute :-) . 1929 Erweiterung durch W.Sauer-Frankfurt/Oder um ein Rückpositiv und Austausch einiger Stimmen...später:
blieb ihr auch eine Umdisponierung und Umbau nicht erspart - hier aber so das nicht verwendete Pfeifen im Turmraum gelagert wurden. Außer die Dulciana 8' im Pedal - war spurlos verschwunden und ist rekonstruiert. Im Jahr 2019 geht wie im Artikel voher beschrieben die Rekonstruktion mit großen Schritten voran.
Opus 300- 1908 Jüterbog III-42 mit Rückpositiv W.Sauer 1929
 Nach der Orgel in Jüterbog wurde das nächste Instrument 1909 in Bitterfeld als opus 318 III-42 aufgestellt. Das beeindruckende neogotische Gehäuse das einer Creation von Wilhelm Rühlmann junior und Regierungsrat Hermann Mund entsprang, wurde durch Georg Eule intonatorisch ergänzt, 1968 ergänzt und wich letztendlich  einer mechanischen Schleifladenorgel der Firma Schuster&Sohn Zittau.
Bitterfeld opus 318-1909 III-42 1968 abgerissen!

Die nächste größere Orgel steht in der KAUFMANNSKIRCHE in ERFURT, wurde von Georg Eule intoniert, besaß einen Kompressionsapparat für den Wind der Spieltraktur. Auch hier 1954 von Schuster&Sohn Zittau total verändert inclusive eines neuen freistehenden Spieltisches. Jetzt kommen Bestrebungen auf hier hinter dem historischen Gehäuse ein neues Werk zu erschaffen trotz das es an originalen Teilen nicht mangelt, eine Rekonstruktion durchzuführen, welche lohnenswert wäre, Erfurt hat keine spätromantisch-symphonische Orgel aus dieser Zeit. Das Instrument ist 2018 schier unspielbar. In den Fachzeitschriften wird die Wirkung des elegant und exquisit intonierten und wirkenden Schwellwerks deutlich hervorgehoben! Hier auch die Darstellung:
Opus 327- 1911 Kaufmannskirche Erfurt, historisches Gehäuse und freistehender Spieltisch Schuster&Sohn Zittau-1955

Rühlmann Katalog Originaldisposition 1911
Nach der Großorgel von Erfurt wurde auch in ZEITZ in der Michaeliskirche eine III manualige 47 registrige spätromantischsymphonische Orgel in das erweiterte Gehäuse der Vorgängerorgel eingebaut. Diese großen Orgel wurde auch 1955 von Schuster&Sohn;Sohn in Zittau umdisponiert, Winddrücke verändert, Pfeifen ergänzt. z.B.Die Pedalstimme "Clairon 4' ist die durchschlagende Oboe 8' des III.Manuales. Auch hier ist soviel an Originalsubstanz erhalten, inkl. der pneumatischen Windladen, usw, das auch hier ein rückgeführtes, und erweitertes Instrument mit IV-Manualen absolut denkbar und lohnenswert wäre. Gutachten aus der alten Zeit sprechen davon das das "GENERALTUTTI" fast schon zu kräftig für den halligen gotischen Kirchenraum sei. Hier klingt eindeutig die Handschrift des Erbauers und des Intonateur Georg Eule durch, kraftvolle Instrumente, die so zart und anschmiegsam sind und gleichzeitig Biss haben und den Raum mit understatement leerfegen. Das ist Rühlmann zu dieser Zeit! Keine leisen Echomanuale auf II und III sondern gebändigte Kraft gepaart mit Sub und Superoktavkoppeln die dann noch ungeahnte Möglichkeiten zulassen.

Zeitz Michaeliskirche III-47 opus 335 1911, im Vordergrund der Schusterspieltisch.
Originaldisposition 1911 Zeitz
Umso mehr man sich damit beschäftigt, umso mehr versteht man die originalen kleinen Dorfinstrumente, die ein Abbild der großen verschwundenen Orgeln der Zeit sind. Schade aber auch Hoffnung, das man sich endlich Dessen besinnt, das OriginalMaterial ist übermäßig vorhanden!

Dienstag, 5. Februar 2019

laufende RESTAURIERUNG op.300 in JÜTERBOG

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten startet jetzt die grundlegende Restaurierung des Jubiläumswerkes der Orgelbau-Anstalt Wilhelm Rühlmann - Opus 300 aus dem Jahr 1908! Ausgeführt werden die Arbeiten durch die W. SAUER ORGELBAU GmbH.  Technisch beratend bin ich in diesem Projekt tätig.
Altmeister Peter Dohne (*1941) Orgelbau W.SAUER  und Christian Schmidt technisch und klanglicher Berater für Rühlmann-Instrumente - vor der 300ten Rühlmann Orgel

Das Pfeifenwerk ist ausgebaut, fehlende Pfeifen werden rekonstruiert und historische überarbeitet.
Technisch wurde der große Magazinbalg inclusive der zwei Schöpfbälge komplett neu beledert.  Der historische und mittlerweile einmalige Kompressionsapparat der den 80mm Spielwind auf 130mm Trakturwind herauf komprimiert- wurde ausgebaut und befindet sich zur Aufarbeitung in der Firma. Hier und am Spieltisch hat sich Orgelbauer Tobias Mutke von Firma W.Sauer-Orgelbau sehr verdient gemacht.
Innenliegender Balg des Kompressionsapperates neu beledert!
Der zentrale Spieltisch wurde ausgebaut und in der Orgelbauanstalt komplett in alle Einzelteile zerlegt. Dann begann die schrittweise Rekonstruktion. 


Spieltisch Op.300 demontiert in der Orgelbaufirma W.Sauer-Frankfurt
Alle Dichtelemente sind erneuert wurden und besonders die Hubmembranen wurden durchgreifend alle neu beledert. Das Pedal wurde nach originalen Vorbildern rekonstruiert, da dieses seit 1937 verändert vorhanden war. Der Rollschweller wird wieder in seine ursprünglichen Länge zurückversetzt.
nach Originalen neu angefertigtes und rekonstruiertes Pedal C-f´
Der umgebaute Balanciertritt wird wieder im Stil von Rühlmann zurückgebaut und ausgeführt als "Pantoffel" lederbezogen. Die Einfassungen aus Holz und andere Komponenten werden nach originalen Vorbildern angefertigt. Genauso wie der Crescendohebel der auch gleichzeitig auf die Walze wirkt. Ausserdem wird die Basis der Manuale und einige andere Dinge am Spieltisch in den historisch originalen Zustand zurückversetzt.
Spieltisch im Zusammenbau - in der Orgelbaufirma

Wichtig war auch die Rekonstruktion der komplett verlorengegangenen Porzellanregisterschilder und wurde nach meiner Vorlage durch eine Porzellanmalerin ausgeführt.
neue Register-Schilder nach Originalvorlagen angefertigt!
Um eine unschöne Gestaltung durch Klebezettel im Spieltisch zu vermeiden haben wir uns entschlossen - auch hier nach originalen Vorbildern der Orgelbaufirma Rühlmann- auf der freien Kombination eine Nummerierung anzubringen, im Stil von Rühlmann- anhand von Referenzinstrumenten!
Principal 16´ neu in 75%Zinnleg. im Prospekt!

Magazinbalg mit 2 Schöpfern neu beledert und überarbeitet!
Orgelbaumeister Thomas Lang, Christian Schmidt für Orgelbauanstalt Rühlmann-Zörbig und Altmeister Peter Dohne von Firma W.Sauer auf Tour.

Untersuchung am Referenzinstrument- in Schmirma bei Halle op.267 Rühlmann

Nach einer technisch und klanglich sehr informativen zweitägigen Studienfahrt mit den beiden Orgelbaumeistern Peter Dohne (geb.1941!) und Thomas Lang im Herbst 2018 zu Instrumenten Rühlmanns konnten durch - nun neue Erkenntnisse- die Arbeit beginnen.
Beide Orgelbaumeister von Firma W. Sauer Frankfurt am historischen Instrument von Rühlmann op.237 in Nemsdorf bei Querfurt!
Gespannt auf das Ergebnis!
Mit auf der Fahrt und Vorfreude der Einbauphase ist natürlich auch der Kantor für Jüterbog und Orgelsachverständige für den Kirchenkreis Zossen Fläming Peter Michael Seifried, der das ganze Projekt sachverständig begleitet und initiiert hat.
Peter Michael Seifried - Initiator des Orgelrestaurationsprojektes - hier vor der Orgel in Nemsdorf erbaut von Rühlmann op.237


Freitag, 9. November 2018

FALKEN bei Treffurt/Eschwege Op.309 - 1909

Im ehemaligen Grenzgebiet der DDR/BRD unweit von Seebach (op.311) steht in FALKEN das original erhaltene Op.309 von Rühlmann. Eine absolut interessante Orgel.
Im Barockgehäuse der Vorgängerorgel untergebracht steht das RühlmannOrgelwerk.
Einmalig ist das die originalen Prospektpfeifen aus dem Jahr 1909 noch erhalten sind!!!
Falken opus 309 * 1909

Klanglich ist sie leider sehr eingeschränkt, bedingt durch ihren ungünstig gewählten Standort im Raum.  ABER-
Absolut spätromantisch im Style von Rühlmann und Intonateur Eule/Richard Rühlmann intoniert entfaltet sie an der richtigen Zuhöhrerstelle den einen absolut genialen Klang der diese Rühlmann-Instrumente nach 1906 auzeichnet - durch alle Klang-Farb-Register-Chattierungen. Sauber und ordentlich präsentiert sich das Werk, die Pneumatic Steuerung ist leider nach etlichen Jahren der letzten Reparatur ermangelt und bedarf einer dringenden Sanierung. Das betrifft auch den Koppelapparat im Spieltisch!

Spieltisch op.309
Die Pfeifen sind vollständig original erhalten, sauber, und wirken auch nach 100 Jahren noch modern. Rühlmann´s Holz- und Metallpfeifen sind für höchsten Ansprüche an Qualität, Ausführung und Bauart gefertigt. Das bestätigen immer mehr Fachkollegen und Orgelbauer. "Diese Qualität des Pfeifenwerkes ist einmalig"

Detail Rohrflöte 4'

Prospektprinicpal 8' 

Prospekt original 1909!

das Innere der Orgelanlage von 1909

Prospektpfeifen von hinten original!

Windlade Manual I.


DRASCHWITZ bei Zeitz Op.328 aus dem Jahr 1910.

Hinter dem (neo)Barockgehäuse  was (vermutlich) zur Erbauungszeit mit entstanden ist befindet sich klangschön und unverändert die neu installierte Orgelanlage der Orgelbauanstalt W.Rühlmann - Zörbig. Sie ist das 328te Instrument welches die Firma im Jahr 1910 verließ.
Op.328*1910 Draschwitz
Das Gehäuse ist seitlich durch gitterförmige Schallöffnungen erweitert, unten befinden sich Türen zum Turmaufgang und in das Innere des Instrumentes. Mittig ist der Spieltisch eingelassen. Eine Besonderheit ist die für die verhältnismäßig kleine Orgel die Anlage einer freien Kombination.
Spieltisch mit freier Kombination

Ausserdem wertet auch die einmalig verbaute und überblasende "Flauto minor 4' " im ersten Manual die Anlage im Wert noch weiter auf.  Flauto treaverso 8' auf II.Man. ist auch als überblasende Flöte ausgeführt.

Prospektpfeifen in Zinkersatz nach der Abgabe 1917.
einmalige Flauto minor 4'

Die Orgel wurde generalsaniert und versieht seit vielen Jahren ihren zuverlässigen Dienst zum GD und wird in einigen Konzerten mit internatinalen Organisten benutzt.

Interessant ist auch hier, wie die Intonation von Intonateur Eule am Spieltisch eher zurückhaltend aber im Kirchenschiff ordentlich an Fahrt aufnimmt und sich einmalig spätromantisch mischt- egal welche Registerkombinationen verwendet werden. Das volle Werk klingt Rühlmann-typisch würdevoll und imposant. Das gesamte Orgelwerk vermittelt dem Spieler Spielfreude.
Rühlmann´s Doppelflöte 8' - aus Kernholz gedrehte Füße.

Im Inneren ist eine klassische Gliederung zu finden. Hinter dem Prospekt die Hauptwerkswindlade, C/C# Teilung, Stimmgang, dahinter Windlade des II. Manuales in chromatischer Ausführung. Ebenerdig Pedallade mit Subbaß 16' und Principalbaß 8'.


Am Spieltisch wurden leider 2 originale Drücker entfernt.

Auch interessant ist die Firma die die Schlösser und Eisenteile für Rühlmann lieferte. Ein Betrieb aus Zörbig in unmittelbarer Nachbarschaft der Orgelbauanstalt mit einem doch auch bekannten Namen.
SELLE. Franz Selle & Sohn - Zörbig. Nachfahren des bekannten Kirchenmusikers Thomas Selle, aus Zörbig. Die Familie ist heute noch in Zörbig vertreten.
Originalschlüssel für Seitentüren von Selle / Zörbig.

Samstag, 6. Oktober 2018

Spätromantische HERMANN EULE Orgeln aus Bautzen

Will man Rühlmann um  1906-1913 zur Zeit der Spätromantik verstehen und einordnen so muß man sich zu seinem Umfeld bewegen. Hier sein Kollege aus dem entfernten Bautzen, Hermann Eule.
Firmenschild von Hermann Eule
Dessen Sohn Rühlmann als Chefintonateur anstellte. Hört man die Instrumente von Hermann Eule, so hört man den Anspruch an höchste Qualität, an die Handwerkskunst und an ein absolut augewogenes und feinfühliges Klangdesign. Zarteste Stimmen mischen sich zu immer neuen Kombinationen in allen Facetten und Bandbreite addiert mit der Basis einer runden Flöte, einem runden Gedeckt8' dazu die Gamba 8' die laut und scharf streicht wie die Violine 8' auf dem II. Manual , die Principale und Geigenprincipal. Alles firmiert sich zu einem gewaltigen wohlig warmen Ganzen, fundamental untersetzt durch durchdringende Bässe.
Wachau Eule op. 137 - 1912 II-23
Dazu treten die Mixturen in beiden Manualen die eine direkte Klarheit bringen. Gesteigert wird das durch den Einsatz von Oberokav und Unteroktavkoppeln von II - I Manual. Diese Kombination (Manualkoppel II-I ; Oberoktav II-I ; Unteroktav II-I )

lassen auf dem ersten Manual und dem Einsatz des Schwellkastens fast schon Kino-Orgel-mäßige Klänge zu.
Heute schier unbekannt-die alten Instrumente bringen das mit einer Lässigkeit zu Gehör. Dem vollen Werk tritt eine Trompete hinzu, die die gesamte Orgelanlage beherrscht. Wenn noch eine Posaune 16' im Pedal vorhanden ist, dann überwältigt es den Zuhörer mit einer Brachialität und Gewaltigkeit. Diese Einfühlsame Intonation ist meisterhaft und bedarf viel mehr Anerkennung. Das gab Hermann Eule an seinen Sohn Georg weiter, der mit einem jungendlichen Draufgängertum und Leidenschaft und Emotionalität an die Klänge heranging, die heute fast befremden.
Zehren Eule op.139 1913 II-21
Eine Klangwelt die für viele Unbekannt und befremdlich wirkt oder mit der einige Musiker nicht umgehen können. Einigen, bei Vorstellung dieser Instrumente, treibt es die Tränen in die Augen, und das zu Recht, da hier etwas emotional einmaliges erschaffen wurde. Rühlmanns Instrumente stehen auf pneumatischen Registerkanzellen. Hermann Eule´s Werke auf pneumatischen Taschenladen. Beide herrausragend präzise und solide gearbeitet!
Deutschenbora Eule op.148 1914 II-18
So hat man vor 110 Jahren Instrumente für höchste künstlerische Ansprüche geschaffen auf höchsten technischem Niveau.
Nostitz Eule op.147 1915 II-21
Hier Portraitiert sind die Instrumente in WACHAU bei Dresden, ZEHREN bei Meißen, NOSTITZ bei Löbau und die leider umdisponierte Orgel in DEUTSCHENBORA bei Nossen, welcher auch der Schwellkasten entfernt wurde.

Mittwoch, 28. März 2018

LENGEFELD op.203 aus 1898

LENGEFELD bei Sangerhausen, hier steht Opus 203 aus dem Jahr 1898.
Frontalansicht 
Spielbar mit einigen Einschränkungen. Die Windladen sind in dieser Zeit üblichen pneumatischen Kastenladen ausgeführt. Das Instrument besitzt 12 Register auf zwei Manualen die in einem guten Lautstärkeverhältnis zueinander disponiert und intoniert sind.

Totalansicht
Kraftvolle Principale, eine Gamba die sich behauptet , abrundende Flöten und nicht zuletzt ein Bordun16' der in der Oberoktavlage als Soloregister fungieren kann. Im Manual II bringt das sonore Gemshorn 8' und die lapidar dahingeschriebene  Flöte 4' Kraft und Klarheit.
Detail des Spieltisches, Register des zweiten Manuals
Rauschquinte 2 fach bringt zusätzlich klangliche Pracht und feierlichen Glanz in das ganze Ensemble. Die Pfeifenformen entsprechen der ersten Generation, später änderten sich Aufschnitte, Bärte und Expressionen (bei Rühlmann: Köpfe)
vollständig aber unrestaurierte Pfeifen
Die ganze Anlage befindet sich in einem Neo-romanischen Gehäuse das von der Orgelbau-Anstalt mit erbaut wurde. Diese Form trifft man ,abgewandelt, des Öfteren bei den frühen pneumatischen Werken der Firma Rühlmann an.  Der Spieltisch ist noch aus der ersten Generation und besitzt nur die Koppeln II-I und I-Pedal.
KMD OSV Peter-Michael Seifried am Instrument
Er ist nicht in vollpneumatischer Bauweise ausgeführt sondern mechanische  Koppelgestänge werden von Keilbälgen eingeschaltet. Die Windmaschine arbeitet leider sehr geräuschvoll und auch vibrierend, einige Pedaltasten klemmen und vereinzelt gingen Töne nicht. Bei unserem Besuch 2018 war das Instrument in einem nicht restaurierten Zustand.