Montag, 18. März 2019

Spätromantik lebt! WILHELM SAUER in GRÖBEN und TREBBIN.

Der epochal prägende Klangstil der orchestralen Orgel zu Beginn des 20ten Jahrhunderts der lange Zeit verpönt und verteufelt war, erlebt dieser Tage ein Revival - eine Rückbesinnung. Überall wo man eine Orgel aus dieser Zeit besuchen möchte ist´s dasselbe. "Sie ist ausgebaut und wird saniert!" Vom Erzgebirge bis zur Küste. Hier zwei unbedingt sehens- und vorallem hörenswerte Instrumente. Der ORGELBAU W. SAUER FRANKFURT/ODER GmbH gelang in der Dorfkirche GRÖBEN und der Stadtkirche TREBBIN (beide vor den Toren Berlins) eine hervorragende Restaurierung beider Instrumente.

Gröben op.1045 - 1909
Gröben Apsismalerei August Oetken 1909!
Zur kleineren Orgel in GRÖBEN. Erbaut von der Orgelbauanstalt Wilhelm Sauer 1909 als opus 1045. Sie steht bemerkenswerter Weise in einer ebenfalls 1909 erbauten Kirche deren Architekt kein geringerer als Franz Schwechten war. (*Architekt der KaiserWilhelmGedächtniskirche Berlin)
Außerdem besorgte die einmalige und originale Ausmalung der Kirche der ebenso bekannte Kirchenmaler August Hermann Oetken. Ornamentik und Apsishimmel sind bemerkenswert.
Dazu die kleine Orgel einer der führenden Orgelbauanstalten des deutschen Reiches, Wilhelm Sauer - Frankfurt-Oder! Sie kommt ganz schlicht daher-im Freipfeifenprospekt, auf II Manualen und Pedal nur 9 Register. Aber diese Stimmen besitzen so eine Aussage und entfalten im Raum eine derartige Schönheit das man auch nach einer Stunde Spiel Freude am Instrument und an den herrlichen Klängen hat. Das Instrument ist original erhalten, die technischen Komponenten wurden durchgreifend überarbeitet, klanglich wurden die gereinigten Pfeifen sehr behutsam nachintoniert - so daß der originale Charme der Register erhalten geblieben ist. Absolut besuchenswert und bis jetzt vollkommen unbekannt!
Trebbin op.959 - 1905 mit freistehenden Spieltisch

In TREBBIN fand man ein klanglich sehr auseinander driftendes umdisponiertes Werk vor, die Ausgewogenheit zwischen originaler Substanz und den "barockisierten Stimmen" harmonierte in keinster Weise miteinander. Die Streicher des I. und II. Manuales waren entfernt. Geigenprincipal 8' zu Principal 4' abgeschnitten, ebenso die Rauschquinte 2 fach. Es blieb nur der Principalchor mit Flöten und dem Cornett 3&4fach auf fundamentalen Bässen. Wie man auf so einem amputierten Instrument spielen kann- es ist ein Rätsel. Auch hier ist der Orgelbau W. Sauer GmbH ein echtes Kleinod der Rückführung in die orchestrale Spätromantik gelungen. Die Werke stehen - wie soll es anders sein- auf pneumatischen Registerkanzellen-Kegelladen- Diese prägen doch entscheidend den Klang und lassen besser als die Schleiflade (Tonkanzellen) die Soloregister zu klarerer Wirkung kommen, da die einzelnen Stimmen sich nicht gegenseitig anziehen können. Für orchestral symphonische Instrumente ist eine Registerkanzelle immer der beste Weg der Tonerzeugung!
Für Barock/Neobarocke - die Tonkanzelle! Ein intensives "Hinhören" bestätigt das! In Trebbin wurde nicht nur die prinzipalige Rauschquinte wieder nach originalen Vorbildern ergänzt sondern auch die scharfe Gambe 8' auf I. rekonstruiert und im Schwellkasten auf II die Voix Celéste und Aeoline 8' angelängt teilweise neu angefertigt inklusiv der speziellen Klangzügel (frein harmoniques) aus Messing.
Trebbin: Gambe 8' große Oktave aus Holz mit sauerschen frein harmoniques
Trebbin, rekonstruierte Registerschilder am historischen Spieltisch
Die Nachintonation besorgte der hauseigene Intonateur der Firma W.Sauer, Uli Moritz. Technisch wurde das Instrument auch hier durchgreifend überarbeitet. Ein fehlender Stoßfänger auf der Windlade Manual I wurde ergänzt. Sie funktioniert jetzt tadellos in ursprünglich grundtöniger Klangpracht, was die Trompete8' und Posaune 16' sehr kraftvoll verstärken. Kein strahlender Barock sondern brachiale orchestrale Spätromantik ist hier wieder entstanden. Beeindruckend!
Trebbin, Rollschwelleranzeiger und Firmenschild aus Glas 1905!
Die gleiche Firma rekonstruiert momentan das Instrument in Jüterbog St.Nikolai (Orgel von W.Rühlmann opus300!!)  Rühlmann baute im Vergleich zu W.Sauer weniger Instrumente, war begrenzt auf den mitteldeutschen Raum, aber dafür auf exquisiten Niveau mit einer-zu W. Sauer- differenzierten, eigenen Klangaussage- Beide SPÄTROMANTISCH SYMPHONISCH.

Sonntag, 10. März 2019

Die untergegangenen Groß-Instrumente von Rühlmann

Wilhelm Rühlmann (*1842-1922) und sein 1907 mit ins Unternehmen aufgenommenen Sohn Wilhelm (*1882-1964) baute mit seiner Firma einige große Instrumente nach der Jahrhundertwende die in der Fachwelt als überaus beeindruckend gegolten haben müssen, so die Zitatate der Gutachten und Fachzeitschriften. Diese speziellen Instrumente fehlen leider heute Alle zur Restaurierung des Jubiläumswerks, der 300. Orgel in JÜTERBOG St. Nicolai.
Beginnend und auch unbekannt und erstmalig erwähnt, die RÜHLMANN ORGEL des Kirchsaales der BRÜDERGEMEINDE in HERRNHUT/Sachsen. Sie wurde als opus 292 im Jahr 1907 erbaut mit III Manualen und 40 Registern im Jugendstilgehäuse. Die Intonation dieser Instrumente muss schon von Intonateur Georg Eule ausgeführt gewesen sein. 1945 wurde Herrnhut zur Festung erklärt und nach einem Angriff der Alliierten Mächte mit samt des Saales zerstört. Späterer Neubau von Schuster&Sohn Zittau.
Hier erstmalig offiziell vorgestellt:
Op.292 Herrnhut 1907
Originalseite aus dem Firmenkatalog 1914

Gleich darauf folgend die Orgel der Nicolaikirche in Bad Düben, direkt vor meiner Haustür. Opus 294-1907. III-30. Sie wurde in den 1930ern von E.F.Köhler-Pretzsch umdisponiert und war um 1980 wegen eindringenden Wassers nicht mehr spielbar.
2008 wurde eine Restaurierung und Rückführung der Disposition  durch Christian Scheffler- Sieversdorf durchgeführt. Klanglich folgt diese Rückführung eher einer mildromantisch klingenden Orgel. Die rekonstruierte Clarinette 8'auf II. ist unterdes hervorragend gelungen. Die wiedererstanden disponierte Harmonia aetherea 3 fach auf II (konischer Terz 1 3/5', gedackte Quinte 2 2/3' und offener Octave 2') zeugt schon von einer neuen Klangpraxis bei Rühlmann, die Intonateur Eule vermutlich mit Rühlmanns Sohn Wilhelm, der ein halbes Jahr bei Furtwängler&Hammer Hannover war, mitbrachte.
Bad Düben, opus 297-1907 im Lochmanngehäuse, mit Zinkpfeifen aus 1917

Bad Düben, Register-Crescendo-Hebel wirkt auf Rollschweller und Anzeige


In dieser Zeit taucht auch der noch bis dahin unbekannte HARMONIKABASS 16' auf. offen, Holz, mit Rollenbärten. Zart aber prägnant durch den tiefen zarten Streicherton. Einfach Wahnsinn-dieser Klang.
Harmonikabass 16'  in op.311, Seebach. Pfeifenmünder, und Metallpfeife mit Streichbart für c'-d'
Nach dieser Orgel folgt Opus 300 im Jahr 1908 mit III-44 eher mager besetzt für die riesige Hallenkirche St. Nicolai in JÜTERBOG. Aber die finanziellen Mittel damals wie heute :-) . 1929 Erweiterung durch W.Sauer-Frankfurt/Oder um ein Rückpositiv und Austausch einiger Stimmen...später:
blieb ihr auch eine Umdisponierung und Umbau nicht erspart - hier aber so das nicht verwendete Pfeifen im Turmraum gelagert wurden. Außer die Dulciana 8' im Pedal - war spurlos verschwunden und ist rekonstruiert. Im Jahr 2019 geht wie im Artikel voher beschrieben die Rekonstruktion mit großen Schritten voran.
Opus 300- 1908 Jüterbog III-42 mit Rückpositiv W.Sauer 1929
 Nach der Orgel in Jüterbog wurde das nächste Instrument 1909 in Bitterfeld als opus 318 III-42 aufgestellt. Das beeindruckende neogotische Gehäuse das einer Creation von Wilhelm Rühlmann junior und Regierungsrat Hermann Mund entsprang, wurde durch Georg Eule intonatorisch ergänzt, 1968 ergänzt und wich letztendlich  einer mechanischen Schleifladenorgel der Firma Schuster&Sohn Zittau.
Bitterfeld opus 318-1909 III-42 1968 abgerissen!

Die nächste größere Orgel steht in der KAUFMANNSKIRCHE in ERFURT, wurde von Georg Eule intoniert, besaß einen Kompressionsapparat für den Wind der Spieltraktur. Auch hier 1954 von Schuster&Sohn Zittau total verändert inclusive eines neuen freistehenden Spieltisches. Jetzt kommen Bestrebungen auf hier hinter dem historischen Gehäuse ein neues Werk zu erschaffen trotz das es an originalen Teilen nicht mangelt, eine Rekonstruktion durchzuführen, welche lohnenswert wäre, Erfurt hat keine spätromantisch-symphonische Orgel aus dieser Zeit. Das Instrument ist 2018 schier unspielbar. In den Fachzeitschriften wird die Wirkung des elegant und exquisit intonierten und wirkenden Schwellwerks deutlich hervorgehoben! Hier auch die Darstellung:
Opus 327- 1911 Kaufmannskirche Erfurt, historisches Gehäuse und freistehender Spieltisch Schuster&Sohn Zittau-1955

Rühlmann Katalog Originaldisposition 1911
Nach der Großorgel von Erfurt wurde auch in ZEITZ in der Michaeliskirche eine III manualige 47 registrige spätromantischsymphonische Orgel in das erweiterte Gehäuse der Vorgängerorgel eingebaut. Diese großen Orgel wurde auch 1955 von Schuster&Sohn;Sohn in Zittau umdisponiert, Winddrücke verändert, Pfeifen ergänzt. z.B.Die Pedalstimme "Clairon 4' ist die durchschlagende Oboe 8' des III.Manuales. Auch hier ist soviel an Originalsubstanz erhalten, inkl. der pneumatischen Windladen, usw, das auch hier ein rückgeführtes, und erweitertes Instrument mit IV-Manualen absolut denkbar und lohnenswert wäre. Gutachten aus der alten Zeit sprechen davon das das "GENERALTUTTI" fast schon zu kräftig für den halligen gotischen Kirchenraum sei. Hier klingt eindeutig die Handschrift des Erbauers und des Intonateur Georg Eule durch, kraftvolle Instrumente, die so zart und anschmiegsam sind und gleichzeitig Biss haben und den Raum mit understatement leerfegen. Das ist Rühlmann zu dieser Zeit! Keine leisen Echomanuale auf II und III sondern gebändigte Kraft gepaart mit Sub und Superoktavkoppeln die dann noch ungeahnte Möglichkeiten zulassen.

Zeitz Michaeliskirche III-47 opus 335 1911, im Vordergrund der Schusterspieltisch.
Originaldisposition 1911 Zeitz
Umso mehr man sich damit beschäftigt, umso mehr versteht man die originalen kleinen Dorfinstrumente, die ein Abbild der großen verschwundenen Orgeln der Zeit sind. Schade aber auch Hoffnung, das man sich endlich Dessen besinnt, das OriginalMaterial ist übermäßig vorhanden!